Nach über 40 Jahren erscheint CD-Box der besten Live-Jahre von Van Morrisons
Sehnsucht nach Heimat

Zuschauer der 1973er Tour erlebten den Künstler Van Morrison in Höchstform und durften dabei sein, als Morrison fantastische Versionen der Klassiker aus seinem Repertoire vorstellte. Bild: Ed Caraeff/Getty Images

Besser spät als gar nicht - über 40 Jahre nach "It's Too Late to Stop Now Vol. I" erscheint mit "It's Too Late to Stop Now Vol. II/III/IV" eine umfassende CD/DVD-Box der besten "Live-Jahre" Van Morrisons.

Von Jan Kubon

Was hat George Ivan "Van" Morrison nicht alles für Wandlungen durchgemacht. Bevor er als junger Bluessänger mit Them die Clubs in England elektrisierte und zusammen mit den Rolling Stones, den Animals und den Pretty Things den britischen Blues definierte, war er Sänger und Saxophonist in der Manhattan Showband und den Golden Eagles. Später sagt er "Hier fand ich meine musikalischen Wurzeln. Jazz, Country, Blues. Wir spielten alles, was Leute so Freitagabends hören wollten." Aus einer dieser Bands wurde dann Them, und mit "Gloria" schrieben die Musiker aus Belfast Rockgeschichte.

Nach nur zwei Platten war Morrison erstmal durch mit dem Garagensound der "Angry Young Them", ging nach New York und entdeckte den Soulsänger in sich. "Brown Eyed Girl" vom 1967er Album "Blowin' your mind!", aufgenommen in zwei kurzen Studiosessions, machte ihn zu dem Popstar, der er nie wirklich sein wollte.

Ein Meilenstein


Nur zwei Jahre später - 1969 - unterschreibt Morrison bei Warner und nimmt mit "Astral Weeks" einen Meilenstein der modernen Musikgeschichte auf. "Cyprus Avenue", "Madame George" und "Beside you" zeigen einen Musiker, der Jazzimprovisationen, Kammermusik, Country und Rock verheiratet. "Moondance" nur ein Jahr später gerät noch mystischer, noch epischer, noch souliger - "Caravan" ist sein Kniefall vor dem Soul von Jackie Wilson und James Brown. Van Morrison wird zu "Van the Man" -und kreiert seinen eigenen Musikkosmos.

"It's Too Late to Stop Now Vol. I" (Sony Music) aus dem Jahr 1974 wird zum Zeugnis dieser Metamorphose und gilt bis heute als eines der besten Live-Alben aller Zeiten. Morrison gibt den leidenswilligen Künstler mit großen musikalischen Ambitionen. Er will nicht weniger als den Rock'n'Roll revolutionieren - mit Streichern und einer großartigen Backingband (Caledonia Soul Orchestra). Morrisons Soul ist intellektuell, fordert Aufmerksamkeit von seinen Musikern und vom Publikum, ist mehr Fusion-Jazz, Hank Wiliams-Countrytraurigkeit, schwarze Jimmie Rodgers-Bluessehnsucht und flehender Al Green-Motown als Rock.

Neuen Stil formen


Van Morrison It's too late to stop nowJetzt ist mit "It's Too Late to Stop Now Vol. II/III/IV + Live DVD" (Sony Music) endlich eine Zusammenstellung von drei Konzertabenden (Live at The Troubadour, Live at Santa Monica Civic und Live at The Rainbow - alle aus der Zeit Mai bis Juni 1973) in einer Box erschienen, die den Blick weitet für Morrisons musikalische Intention. Für ihn galt es damals, aus seinen Einflüssen und Prägungen einen eigenen neuen Stil zu formen. "It's Too Late to Stop Now Vol. I" war nur ein mikroskopischer, brennglasmäßig kleiner Einblick in die Welt von Van und seiner Band - jetzt gibt es die ganze Größe seiner Kunst der frühen Siebziger Jahre in einer technisch extravagant guten Soundqualität. Auf der DVD finden sich zudem Ausschnitte aus der Show, die 24. Juli 1973 im "Rainbow Theatre" stattfand. Ursprünglich wurde der Film von der BBC ausgestrahlt und ist nun zum ersten Mal auf DVD des Sets erhältlich.

"Brown Eyed Girl", "Gloria" und "Caravan", "Cyprus Avenue", "Here comes the night" oder "Wild night" haben selten besser und frischer geklungen. "Bringing on home to me" (Sam Cooke) und "Help me" (Sonny Boy Williamson) sind Zeugnisse der hohen Interpretationskunst des Mannes aus Belfast, der schon längst wieder unterwegs zu sein schien zu neuen musikalischen Ufern - zurück zu seinen irischen, keltischen Wurzeln, die er mit dem Album "Veedon Fleece" im Oktober 1974 ergründen wird.

Erste Anzeichen dafür hört man bei "Moonshine Whiskey" (Tupelo Honey/1971) - hier klingt unüberhörbar die Sehnsucht der irischen Exilanten-Seele nach Heimat mit, die ihren Kummer in der Melancholie eines schleppenden texanischen Country-Folk-Waltz wegtanzt.

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Die ausgefallenen Deutschland-Termine von Van Morrison werden nachgeholt: 8. September Dresden, 9. September Erfurt.

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