Nachruf Die Trommel ist verstummt

In der Tat: Günter Grass war ein Jahrhundertautor. Einer, der nie ein Blatt vor den Mund nahm, der Stellung bezog, kritisch war und draufhaute, auch auf die Gefahr hin, Prügel zu bekommen. Und er war einer der großen deutschsprachigen Geschichtenerzähler, Lyriker, Romancier und bildender Künstler, der zu Recht 1999 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Er war ein Autor, den der Zweite Weltkrieg extrem geprägt hatte und der diese Erlebnisse in Werken wie "Die Blechtrommel" (1959) oder "Im Krebsgang" (2002) immer wieder thematisiert hat.

Im Mai vor 70 Jahren kam er in Marienbad in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde in Auerbach in einem großen Lager interniert. Ausführlich hat er über diese Zeit in seinen Erinnerungen "Beim Häuten der Zwiebel" (2006) geschrieben.

In einem Interview mit unserer Zeitung sagte er im Januar 2004 über diese Zeit: "Geprägt hat mich das Datum '45. Das Entsetzen, auf einmal zu bemerken - nach großem Zögern und Widerstand - unwiderleglich zu wissen, welche Verbrechen in diesem Krieg begangen worden sind. Das ist das Prägende, ganz gleich, welche Umwege wir gemacht haben. (...) Es ist meiner Generation die Thematik vorgeschrieben, der nicht auszuweichen war."

Mit der Oberpfalz war der Schriftsteller besonders über Walter Höllerer, dem Gründer des Literaturarchivs in Sulzbach-Rosenberg, eng verbunden. Die Wege der Literaten trafen sich nicht nur in Paris und Berlin, sondern auch in der Region immer wieder. Höllerer war es auch, der Grass mit seiner Lyrik maßgeblich beeinflusst hat. Und auch der WAA in Wackersdorf hat Grass in "Mein Jahrhundert" (1999) ein kritisches Kapitel gewidmet.

Natürlich war Günter Grass nicht unumstritten: Sei es mit seinen politischen Einmischungen, seiner problematisierten SS-Vergangenheit oder seinen anti-israelischen Äußerungen. Er war auch einer, an dem sich die Geister schieden und der für Diskussionen sorgte - bis ins hohe Alter. Aber gehört es nicht zu den Aufgaben - im heute ach so langweiligen Literaturbetrieb - dass ein Dichter auch mal den Mund aufmacht und sich Kultur und Politik an ihm stoßen?

Gestern ist der Blechtrommler im Alter von 87 Jahren gestorben. Seine Werke werden weiterhin für Diskussion sorgen und gelesen werden - auf der ganzen Welt.

stefan.voit@derneuetag.de
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