Napoleons letzte Schlacht

An ein breiteres Publikum richtet sich ein Spektakel, das heute beginnt. An vier Tagen wollen mehr als 6500 Laiendarsteller am Ort des Geschehens die Kämpfe zwischen Napoleon und seinen Gegnern in historischen Kostümen nachspielen. Den Angaben zufolge handelt es sich um eine der bislang größten Veranstaltung dieser Art weltweit. Frank Samson übernimmt bei dem Re-enactment-Spektakel die Rolle Napoleons. Bilder: dpa (2)

2 500 Kilogramm Schießpulver, 300 Pferde, 100 Kanonen: Mit einem großen Freiluftspektakel wird im Juni in Belgien der Schlacht von Waterloo vor 200 Jahren gedacht. Auch der tollkühne preußische Feldmarschall Blücher wird wieder auferstehen.

Benoit Histace, ein Landwirt aus dem belgischen Örtchen Ligny, denkt oft an den Haudegen aus Preußen. Vor genau 200 Jahren lag der Mann hier auf dem Acker. "Auf meinem Acker", ruft Histace. Der prominente Verletzte war der Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher. Er hatte sich an diesem 16. Juni 1815 in ein heftiges Gefecht mit den französischen Truppen gestürzt und lag nun ohnmächtig unter seinem toten Pferd.

Es hätte nicht viel gefehlt, und die Weltgeschichte wäre ohne Blücher weitergegangen. Doch Blüchers Adjutant fand den aus Rostock stammenden Feldmarschall im Ackerschlamm und rettete ihn. Der Preuße entkam in Richtung Norden, sammelte seine angeschlagenen Truppen und warf sich Napoleons Soldaten zwei Tage später erneut entgegen: nahe dem Dorf Waterloo. Die ganze Region südlich von Brüssel, und nicht nur sie, ist in diesen Tagen im "Waterloo"-Fieber. Bis zum 21. Juni finden aufwendige Veranstaltungen anlässlich des 200. Jahrestages der Schlacht statt. Benoit Histace ist natürlich dabei: Er wird in eine französische Uniform schlüpfen und mit anderen Geschichts-Enthusiasten die Kämpfe nachstellen. Viele junge Männer in der Gegend hatten seinerzeit in Napoleons Armee gekämpft, da das Gebiet zwischen 1794 und 1815 von Frankreich annektiert war.

Gewaltiges Spektakel

Geplant ist ein gewaltiges Spektakel: Über 5 000 Laiendarsteller sollen kommen, so viele waren es an bisherigen Waterloo-Jahrestagen nie. Die Organisatoren haben 2 500 Kilogramm Schießpulver bestellt, 300 Pferde und 100 Kanonen herangeschafft. Die Zuschauertickets waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Benoit Histace wird bei dem Schauspiel auch einem leibhaftigen Blücher begegnen: Der 77-jährige Klaus Beckert aus Leipzig spielt ihn. Im Mittelpunkt werden allerdings die beiden großen Gegenspieler von damals stehen: der französische Kaiser Napoleon I. und der Brite Arthur Wellesley, Herzog von Wellington. Letzterer war Blüchers Verbündeter. Waterloo war das letzte Aufbäumen Napoleons, des einstigen Hegemons Europas. Nach seiner ersten Abdankung 1814 war der Kaiser noch einmal an die Spitze Frankreichs zurückgekehrt - mitsamt seiner imperialen Ideen, die dem Rest Europas wenig gefielen.

In einem schlichten Haus an der Hauptstraße von Waterloo erwartete Wellington den Morgen des entscheidenden Tages. Das Haus birgt heute ein kleines Museum, voll mit persönlichen Details: Wellington zog mit einem Set struppiger Zahnbürsten ins Feld, während Napoleon nicht weniger als 15 metallene Zahnstocher in Samt umhertrug. Selbst im Krieg legte er Wert auf Mundpflege, "weil er sich vor den fauligen Zähnen seiner Frau Josephine grauste", erzählt eine Museumsexpertin.

Geschwächt und fiebernd

Das letzte Hauptquartier Napoleons liegt dreizehn Kilometer weiter südlich. In einem kalten Raum im Erdgeschoss verbrachte der geschwächte und fiebernde Kaiser die letzte Nacht vor der großen Schlacht. Wieder und wieder ging er Strategien durch. Heute überfällt Besucher beim Rundgang ein Schaudern: In einem Schrein im Garten sind Menschenknochen aufgehäuft, die auf dem Schlachtfeld gefunden wurden. Am 18. Juni 1815 um 11.30 Uhr morgens begann die Schlacht von Waterloo mit dem Angriff Napoleons. Es hatte die ganze Nacht geregnet, schon das Marschieren durch den Schlamm war eine Qual. Wer die Atmosphäre dieses Tages erleben möchte, kann dies im unterirdischen Museum "Memorial 1815" im Ort Braine-l'Alleud tun. Mit 3D-Technik, einem Riesenbildschirm und viel Sound taucht der Zuschauer in das Schlachtgeschehen ein.

Noch einmal donnert Napoleons mächtige Artillerie, sprengen Kavalleristen über die mühsam bestellten Felder, blitzen Tausende von Bajonettspitzen. Pferde und Reiter gehen zu Boden, reißen den Zuschauer schier mit in den zähen Matsch. Wellington hält trotz großer Verluste seine Stellungen - in der Hoffnung, dass der bei Ligny geschlagene Blücher möglichst bald zu ihm stoßen werde. Am Nachmittag brechen die Preußen nach einem Gewaltmarsch aus dem nahen Wäldchen hervor. Napoleons Schicksal ist besiegelt.

Lebendige Erinnerung

25 000 Tote und Verwundete gab es schließlich auf Frankreichs Seite, 15 000 bei den Briten, 7 000 bei den Preußen. "Das größte Unglück ist eine verlorene Schlacht, das zweitgrößte eine gewonnene", sollte Wellington am Ende murmeln. An Orten wie der umkämpften Farm Hougoumont finden sich noch heute Einschusslöcher in den Bäumen. Mit der Niederlage Napoleons ging das erste französische Kaiserreich unter, Frankreich sollte nie wieder zu einer solchen Größe zurückfinden. Die Erinnerung dagegen ist lebendig.
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