Neue Verordnung für Straßenmusiker
Die aberwitzige Stille über Prag

Auf der Prager Karlsbrücke tummeln sich seit Künstler und Straßenmusiker. Das soll sich allerdings bald ändern, ab März gelten neue Verordnungen. Die bescheren viele Einschränkungen. Bild: Steinbacher

Die Prager Karlsbrücke ist eines der Wahrzeichen der osteuropäischen Metropole. Das besondere Flair hat die Brücke vor allem den vielen Straßenkünstlern und Musikern zu verdanken, die den Ort mit Leben füllen. Das soll sich jetzt ändern.

Prag. Als Bewohner der tschechischen Hauptstadt muss ich immer ein bisschen schmunzeln, wenn in meiner zweiten Heimat Elbflorenz (Dresden) mal wieder die dortige Augustusbrücke zur "Karlsbrücke für Dresden" umfunktioniert werden soll. So wunderschön - und leider auch marode - die Elbe-Querung zwischen Dresdens Neu- und Altstadt ist, eine zweite Prager Karlsbrücke wird aus ihr nie werden. Patriotische Dresdner Freunde zeihen mich, wenn ich protestiere, gern des "Hochmuts eines richtigen Hauptstädters, der der sächsischen Landesmetropole nichts zutraut". Künftig halte ich mich mit meiner im Grunde nicht wirklich ernst gemeinten Kritik besser etwas zurück. In Prag nämlich geht es bergab mit der Karlsbrücke, und nicht nur mit ihr. Die Stadtoberen haben beschlossen, den Straßenkünstlern - und Musikanten die Flügel zu stutzen. Etwa den Dixieland-Gruppen, die täglich die Spaziergänger auf besagter Brücke erfreuen. Oder den Musikstudenten, die sich im Schutze einer der vielen Kirchen mit ihrer Oboe oder dem Saxofon ein paar Kronen zum nicht eben üppigen Stipendium dazuverdienen wollen. Das alles störe die Anwohner. Und deshalb sei jetzt Schluss mit der ganzen Musik.

Einschränkung für Künstler


Ab März soll die Verordnung gelten. Also dann, wenn die Masse der Touristen nach Prag zu strömen beginnt. Nicht eben sonderlich intelligent, lieben die Fremden doch gerade dieses besondere Flair von Prag. An 18 Stellen, allesamt von Touristen bevölkert, soll es keine Straßenkunst mehr geben oder nur sehr eingeschränkt. Aber wie das so ist mit Verordnungen. Sie bringen nur etwas, wenn sie auch durchgesetzt werden. Und das könnte auf Probleme stoßen. Die Stadtoberen haben nämlich etwas seltsame Durchführungsbestimmungen erlassen. Danach ist die Straßenmusik nicht völlig verboten, nur die mit "Dudelsack, Schlagzeug, Oboen und Saxofonen ohne Schalldämpfer". Und die Töne, die mit Verstärkern an die Ohren der Menschen dringen.

Und eigentlich sind auch nur die Stücke mit Oboen und Saxofon untersagt, in denen "hohe Töne" vorkommen. Ab wann aber beginnen "hohe Töne", fragt sich da der musikalische Laie? Womöglich genügt es schon, wenn man ein Stück aus original A-Dur etwas brutal zu C-Dur herunter transponiert, um es weiter spielen zu können? Wer, bitte sehr, begutachtet das? Die Stadtpolizei? Oder Musikprofessoren im Ruhestand mit der Stimmgabel in der Hand? Was hätte Mozart gesagt, wenn seine "Kleine Nachtmusik" auf der Straße statt in G-Dur in C-Dur gespielt würde? Vermutlich würde er seinen Satz zurücknehmen: "Meine Prager verstehen mich".

Super ausgedacht ist auch die Festlegung, wonach Straßenmusikanten nach einer Stunde automatisch die Moldauseite für ihre Auftritte wechseln müssen. Immerhin ist das gesundheitsfördernd. Die Karlsbrücke beispielsweise ist 516 Meter lang. Wenn man die als Tourist, der Straßenmusik liebt, täglich mehrmals überquert, um ans andere Ufer zu gelangen, verliert man rasch das eine oder andere Pfund zuviel auf den Rippen. Das ist von enormem Vorteil: Man muss dann nicht mehr darauf achten, wie viele halbe Liter Bier man in schummrigen Prager Kneipen in sich hinein geschüttet hat. Das Zeug setzt einfach nicht an bei derlei Bewegung.

Abspecken hilft auch den Musikanten. Die Verordnung hat nämlich auch haargenau festgelegt, welchen Raum sie einnehmen dürfen in aller Öffentlichkeit. Einem Solisten stehen danach 1,5 Quadratmeter zu, einer Band maximal 6 Quadratmeter. Da zählt am Ende bei einer scharfen Kontrolle womöglich jedes Gramm.

Pantomime erlaubt


Nicht alle Ratsleute in Prag fanden die Verordnung lustig, das muss man zu ihrer Ehrenrettung sagen. Heftige Proteste kamen zudem naturgemäß aus den Reihen der Künstler. So echauffierte sich beispielsweise die Gesangs-Ikone von 1968 und spätere Dissidentin, Marta Kubisová, schrecklich. Vladimír Misík vom Verband der Straßenmusiker empfahl den Ratsleuten, sich besser darum zu kümmern, dass nicht überall in Prag dreist russische Matroschkas als "tschechisches Kulturgut" an ahnungslose Touristen verscherbelt werden dürfen.

Schwein haben in der Verordnung nur die - so wörtlich - "friedlichen Künstler" gehabt. Pantomime und "lebende Statuen" dürfen sich weiter tummeln wie bisher. Aber wer weiß, ob das auch auf nachgestellte Mozarts zutrifft. Wegen der "Kleinen Nachtmusik". In unerträglich hohem G-Dur!
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