Neues Buch von Judith Hermann
Wie Stillleben

 
ARCHIV - Die deutsche Schriftstellerin Judith Hermann liest am 12.05.2009 im Kulturclub "Radialsystem V" in Berlin aus ihrem neuen Buch "Alice". Foto: Alina Novopashina/dpa ((zu dpa "Wie Stillleben - Neue Erzählungen von Judith Hermann" vom 07.06.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Der Band "Lettipark" dreht sich um die Dramen zwischenmenschlicher Beziehungen - ohne dabei dramatisch zu werden. Vieles bleibt offen und in der Schwebe. Für den Leser ist das ein Gewinn.

Berlin. Viel passiert nicht in Judith Hermanns neuen Kurzgeschichten. Es sind fast Stillleben, die die Autorin in dem Erzählband "Lettipark" zeichnet. Eine Frau sitzt an einem Feuer. Dabei realisiert sie langsam, dass ihr Mann nicht zurückkommen wird. Zwei Freundinnen streichen die Wände ihrer gemeinsamen Studentenwohnung. Die eine trägt einen Papierhut und raucht. Eine alte Frau sitzt zwischen Bücherregalen und Pflanzen auf ihrer Chaiselongue und lässt sich von ihrer Untermieterin vorlesen.

Starke Bilder


Trotz dieser Ereignislosigkeit bleiben von diesen Szenen starke Bilder im Kopf. Man wird sich noch lange daran erinnern, wie die Frau am Feuer sitzt, wie die Freundinnen die Wohnung streichen. Und irgendwo dazwischen macht die Autorin in den 17 knappen Erzählungen die Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen sichtbar.

Ihre Figuren sind mit ihr älter geworden. Sie sind mittlerweile um die 40, haben Kinder oder eben keine, zerbrochene Beziehungen oder eine, die gerade in die Brüche zu gehen droht.

Der Erzählband ist Hermanns vierter. Bekannt wurde die 46-Jährige 1998 mit ihrem Debüt "Sommerhaus, später". Ein Bestseller wie der folgende Band "Nichts als Gespenster", aus dem einzelne Geschichten verfilmt wurden. Zuletzt hatte Hermann einen Roman veröffentlicht: "Aller Liebe Anfang". Es war ihr erster und bisher einziger Roman, die Kritik fiel eher schlecht aus. Ob dies nun der Grund für die Rückkehr zu Kurzgeschichten ist? Man kann getrost sagen, es ist so gleichgültig, wie es die Autorin in einem Interview der "FAZ" darstellt. Das Buch in die Hand zu nehmen, lohnt sich in jedem Fall.

Hermanns Sätze sind übrigens nicht kurz. Sie waren auch nie kurz. Auch in "Sommerhaus, später" nicht. Irgendwo muss da ein Missverständnis entstanden sein, kurze Sätze gelten nämlich fast schon als Markenzeichen der Autorin. Hermanns Sätze sind genau genommen sogar sehr lang, manchmal ziehen sie sich über einen ganzen Absatz. Sie sind eine Aneinanderreihung von kurzen Sätzen, Halbsätzen oder nur Satzfetzen.

Zeit- und ortlos


Hermann kommt aus Berlin und lebt nach wie vor dort. Ihre Erzählungen bleiben dieses Mal meistens zeit- und ortlos. Nur selten wird aufgelöst, wann und wo sie spielen. In der ersten Geschichte wird eine Kohlelieferung aufgeräumt - das kann heute auf einem Aussteigerhof in Brandenburg sein. Es kann genauso gut vor 50 Jahren in einer ganz anderen Ecke des Landes sein. Der titelgebende Lettipark könnte ein Park in Berlin sein - oder doch ganz woanders. Diese gewisse Ankerlosigkeit zwingt dazu, aufmerksam zu lesen. Man kann sich nicht an Bildern aus der eigenen Erinnerung festhalten, kann die Geschichten nicht in einen geschichtlichen Kontext einordnen. Man bleibt vielmehr Hermanns Beschreibungen ausgesetzt - aber das funktioniert gut.

Offene Fragen


Unbeantwortet bleiben auch die existenziellen Fragen, die Hermann aufwirft: Was geschieht, wenn wir jemandem begegnen? Wie nah können wir den Menschen sein, die wir lieben? Die Geschichten bleiben im Ungefähren. Der Leser kann selbst überlegen, ob die Ehe von Philipp und Deborah nach der Adoption von Alexej wohl zerbricht und warum die Mutter aus der letzten Erzählung eine Anzeige zum Tod eines ihr fast fremden Mannes geschickt bekommt. Hermann schreibt dazu in einer der Geschichten: "Es ging um all das, und darunter ging es sicher noch um etwas ganz anderes."

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Judith Hermann: Lettipark, 192 Seiten, 18,99 Euro, Verlag S. Fischer.
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