Pilsens heißer Kultursommer

Schloss Nebílovy war Schauplatz einer fulminanten Barocknacht: Die Veranstalter fuhren außer dem Konzertprogramm Düfte mit Originalparfüms der Epoche - 7 Laster und 7 Tugenden - auf, Schokolade nach alten Rezepten, eine zeittypische Beleuchtung und ein barockes Feuerwerk. Bilder: Herda/Pilsen
 
"Die meisten Besucher kommen aus Bayern, was uns besonders freut", sagt Kulturbürgermeister Martin Baxa und zeigt stolz auf seine Pilsen-2015 Abzeichen auf Revers und Kravatte.

Die Kulturhauptstadt als europäischer Magnet - im Frühjahr haben sich die Besucherzahlen verfünffacht. Im Hochsommer soll sich der Trend weiter verstärken. Kulturbürgermeister Martin Baxa über die Höhepunkte der Freiluftsaison.

Herr Baxa, das Kulturhauptstadtjahr mündet in einen heißen Sommer: Was sind die Highlights unter freiem Pilsener Himmel?

Baxa: Aus meiner Sicht ist das einmal der Auftritt der Brüder Bubenicek, die Spitze des europäischen Balletts - eine wunderbare Aufführung. Und die Fortsetzung von "Neun Wochen Barock", wovon noch vier übrig sind.

Jan Hus ist immer aktuell, solange Religionen streiten - was kann der Besucher noch bis 31. Juli im Museum für Kirchenkunst der Pilsener Diözese über den verbrannten Reformator Neues erfahren?

Baxa: Ich habe die Ausstellung gesehen. Sie ist aus historischer Sicht sehr gelungen und wurde zusammengestellt vom Hus-Museum in Tabor - Experten ihres Fachs. Sie stellt aber keine Bezüge zur heutigen Zeit her, sondern beschränkt sich auf die religiösen Konflikte der hussitischen Epoche.

Eine barocke Krönungsoper klingt nicht nach leichter Kost: Was spricht aus Ihrer Sicht für einen Besuch der Reithalle von Světce am 31. Juli - die Atmosphäre, die Oper von Fux und Pariati?

Baxa: (lacht) Das stimmt, keine leichte Kost, aber die Aufführung ist einzigartig. Die Oper wurde das erste und letzte Mal im 18. Jahrhundert aufgeführt und allein dieser wunderbare Raum lohnt einen Besuch.

Manche mögen's volkstümlich: Gelegenheit bietet das Chodenfest in Domažlice. Für Pilsen 2015 dieses Jahr besonders feierlich?

Baxa: Das Fest hat eine sehr lange und gute Tradition, ins Programm lassen sich die Choden nicht reinreden. Aber weil die das immer so gut machen, haben wir das Fest als Teil unseres Programms aufgenommen.

Leicht bekleidete Mädchen gibt's nicht nur im Pilsener Stadtbild, sondern auch bei der Ausstellung "Venus" von Ladislav Sutnar (bis 6. August). Wie finden Sie die Plakate und Gemälde des Malers, der in den USA Karriere machte?

Baxa: Sutnar ist eine herausragende künstlerische Persönlichkeit und er ist deshalb sogar mit drei ihm gewidmeten Ausstellungen in Pilsen vertreten. Im Westböhmischen Museum ist sein eher kunsthandwerkliches Werk wie Porzellanfiguren zu sehen. In der Sutnar-Galerie ist die Ausstellung Buchgestaltung und Typografie. Und die Mädchen, auf die Sie anspielen sind in der Schau "Venuse" zu sehen. In diesem Umfang war sein Ouvre in Tschechien noch nie zu sehen.

Was bleibt von den neun Wochen Barock?

Baxa: Den Charme dieser Reihe macht aus, dass Barockmusik im passenden Ambiente, in Barockschlössern und Klöstern zu sehen ist - oft auch noch mit einem barocken Bankett. Ich habe vier Konzerte gesehen, die Eröffnung in Schloss Kozel, dann in Dobřany, Přestice und Zelená Hora bei Nepomuk - ein Schloss, das normalerweise für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Da waren zwei volle Busse aus Deutschland da. Und sie läuft noch einige Wochen.

Drei Tage im August (28.-30.) machen Riesenmarionetten Pilsen unsicher: Gibt's da mehr zu sehen, als Puppen? Womit überraschen die Regisseure das Publikum?

Baxa: Der Höhepunkt ist eine Theateraufführung, in deren Zentrum die Marionetten stehen. Dreimal im August, starten die Giganten vom Marktplatz und marschieren Richtung Depot, wo im Zuge von "Skupas Pilsen" eine Aufführung mit an die 100 Künstlern, Akrobaten und Schauspielern zu sehen ist.

Noch bis zum 31, August feiert Pilsen Japan - wie kam es zu dieser fernöstlichen Partnerschaft, was fasziniert die Tschechen an japanischer Teekultur, gestriegelten Gärten, Sushi und was gibt's zu sehen?

Baxa: Das sind zwei voneinander unabhängige Veranstaltungen. Einmal gibt es das Jubiläum mit der Partnerstadt Takasaki. Als ich in Tokio war, habe ich diese 500 000-Einwohner-Stadt auch besucht. Wir Pilsner lernten dort, wie man Gewerbegebiete erfolgreich aufzieht. Zum anderen gibt es eine private japanische Firmenstiftung, die alle europäischen Kulturhauptstädte unterstützt.

Praktisch eine Win-Win-Situation, die Japaner werben für ihre Kultur, die Städte bekommen einen kostenlosen Programmteil. Beim "Japanischen Fest" im September kommt das Symphonieorchester aus Kyoto, es gibt eine Ausstellung Japanischer Kunst wie Kalligraphie. Zum ersten Mal realisiert der weltweit anerkannte Künstler und Komponist elektronischer Musik Ryoji Ikeda in Tschechien seine visuell-akustische Installation.

Während Pilsen seine Kultur feiert, tobt in Syrien und der Ostukraine Krieg, streitet Europa um Griechenland-Hilfen - haben die aktuellen Krisen Einfluss auf die Stimmung Ihrer Bürger?

Baxa: Das Gefühl habe ich nicht, man verfolgt das, aber es beeinflusst nicht die Stimmung in der Stadt. Was Russland betrifft, so gibt es schon gewisse Ängste vor Putins Russland, wie man auch beim "Konvoi of Liberty" gesehen hat.

Wie hat sich der Tourismus im Kulturhauptstadtjahr entwickelt?

Baxa: Wir hatten im Mai viermal, im Juni fünfmal so viele Führungen im Vergleich zum Vorjahr. Und im Sommer erwarten wir noch einmal eine Steigerung. Das ist schon ein gewaltiger Erfolg. Die meisten Besucher kommen aus Bayern, was uns besonders freut. Aber wir hatten auch noch nie so viele Touristen aus Japan oder den USA in der Stadt.
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