Prag.
Kulturnotizen Stimme des "Prager Frühlings" ist tot

Ludvík Vaculík. Archivbild: dpa
(dpa) "Zweitausend Worte, gerichtet an Arbeiter, Landwirte, Beamte, Künstler und alle anderen": So nüchtern formulierte der Schriftsteller Ludvík Vaculík 1968 den berühmten Aufruf zu einer durchgreifenden Demokratisierung der damaligen Tschechoslowakei, den 70 Künstler, Wissenschaftler und Sportler unterzeichneten. Als das Manifest am 27. Juni 1968 in Prag erschien, hätte es kaum eine explosivere Wirkung entfalten können. Am Samstag ist der frühere Dissident und Bürgerrechtler im Alter von 88 Jahren in Prag gestorben.

Ein Hauch von Freiheit wehte damals, 1968, durch das Land. Die kommunistische Führung bemühte sich unter Alexander Dubcek um einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Wirtschaftsreformen begannen, die Zensur wurde aufgehoben. In dieser Situation barg Vaculíks Aufruf Zündstoff: "In letzter Zeit sind die Menschen beunruhigt, dass der Fortschritt der Demokratisierung zum Stehen gekommen ist", klagte das Manifest an. Die Enttäuschung über die Kommunisten sei groß. Funktionäre, die ihre Macht missbraucht hätten, müssten zum Rücktritt gezwungen werden. Nur zwei Monate später, am 21. August 1968, wälzten sowjetische Panzer den "Prager Frühling" nieder.

Während seines Berufsverbots gründete Vaculík mit Kollege Jirí Grusa den ersten Untergrundverlag, die Edition Petlice. Bis 1989 erschienen gut 400 Titel. Als unbequemer Geist hielt Vaculík auch nach der Wende der Gesellschaft den Spiegel vor. Ministerpräsident Bohuslav Sobotka würdigte ihn als "mutigen Menschen der Feder und des Wortes".
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