Protest gegen die Kultur-Barbarei des IS

Wie Sie wissen, hat die Unesco keine Armee - wir können nicht vor Ort intervenieren.

Kann man wirklich über neue Welterbestätten beraten, wenn antike Ruinen gesprengt und Jahrtausende alte Statuen zerschlagen werden? Der Islamische Staat stellt die Unesco auf die Probe.

Die Jahrestagung des Unesco-Welterbekomitees hatte gerade erst begonnen, noch kein offizielles Wort war gesprochen, da hatte der Islamische Staat schon die Aufmerksamkeit der Delegierten auf sich gelenkt. Auf Großbildschirmen im ehemaligen Bundestag in Bonn waren riesenhaft vergrößert jene Bilder zu sehen, auf denen die Extremisten antike Statuen im Museum von Mossul zerschlagen. Es sollte gleich deutlich sein, worum es bei dieser Tagung gehen würde.

Im Foyer präsentierten sich am Montag einige ausgewählte Welterbestätten: das klassische Weimar, belgische Kohleminen, Reisterrassen auf den Philippinen... Es sind hochinteressante Orte - aber doch kaum vergleichbar mit dem, was in Syrien und im Irak entweder schon zerstört worden ist oder mit Zerstörung bedroht wird. Im Zweistromland Mesopotamien stand eine Wiege der Menschheit - die Schrift wurde dort erfunden. In der Filmsequenz aus Mossul zerstören die IS-Extremisten zum Beispiel eine 2600 Jahre alte Türhüter-Figur, die einst einen Eingang der legendären assyrischen Stadt Ninive bewachte. Das Welterbekomitee konnte sich deshalb am Montag unmöglich auf seine normalen Beratungen beschränken.

Ruinen gesprengt

Stattdessen verabschiedete es eine "Bonner Erklärung". Diese verurteilt die "barbarischen Angriffe, die Gewalt und die Verbrechen, die in jüngster Zeit vom sogenannten Islamischen Staat (...) begangen wurden". Verwiesen wird unter anderem auf die zum Welterbe gehörende Wüstenstadt Hatra - dort sprengte der IS die antiken Ruinen. Anlass zu "tiefer Sorge" ist die Eroberung der syrischen Oasenstadt Palmyra - das "Venedig der Wüste", wie es die Unesco-Generaldirektorin Irina Bokowa nennt.

Fakt ist jedoch, dass die Unesco angesichts der Kultur-Barbarei weitgehend machtlos ist. "Wie Sie wissen, hat die Unesco keine Armee - wir können nicht vor Ort intervenieren", sagt Bokowa in einem Interview. "Aber wir sichern die Konflikt-Zone so ab, dass möglichst keine Kulturschätze das Land illegal verlassen."

Das ist allerdings eher Wunschdenken als eine Beschreibung der Wirklichkeit. Der illegale Antiken-Handel gilt als wichtige Geldquelle des IS. So gelangen in Europa und Nordamerika immer wieder neue sumerische Keilschrifttafeln in den Handel. Dieser Schmuggel läuft schon viele Jahre, er ist keine Erfindung des IS, aber der Zusammenbruch der staatlichen Strukturen in Syrien und großen Teilen des Iraks erleichtert den Schmugglern das Geschäft.

Mausoleen aufgebaut

Dennoch gibt es aus Sicht der Unesco auch einen Hoffnungsschimmer: In Timbuktu in Mali zerstörten islamische Extremisten vor zwei Jahren 14 Mausoleen, die zu einer der noch spärlichen Welterbe-Stätten auf dem afrikanischen Kontinent gehören. Diese Mausoleen wurden mittlerweile wieder aufgebaut.

Immer wieder hat es in der Unesco-Geschichte solche Erfolge gegeben: Die Alte Brücke von Mostar in Kroatien, die nach dem Bosnienkrieg rekonstruiert wurde, oder die Altstadt von Warschau, die schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wieder erstand. "In Nachkriegszeiten wird das Kulturerbe oft zu einem starken Symbol für den Wiederaufbau der Gesellschaft", sagt Bokowa. "Natürlich, wir müssten noch mehr tun. Aber ich glaube nicht, dass wir ohnmächtig sind."
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