Quentin Tarantinos neuer Film wieder blutig und dialoglastig
"The Hateful 8" läuft im Kino

Samuel L. Jackson gehört bei Tarantino zur Stammbesetzung. Dieses mal spielt er den von seinen Widersachern gehassten Marquis Warren. Unter anderem muss er sich dem Konflikt mit John Ruth (Kurt Russel) stellen. Bilder: Universum Film/dpa (2)
 
Oswaldo Mobray (Tim Roth, links), John Ruth (Kurt Russel) und Daisy Domergu (Jennifer Jason Leigh) sind drei der acht Protagonisten.

Quentin Tarantino lässt in "The Hateful 8" in einer einsamen Hütte acht einander hassende Männer aufeinanderprallen. Mit dabei: Kurt Russell, Tim Roth und Samuel L. Jackson. Unterlegt wird das alles mit der genialen Filmmusik von Ennio Morricone.

Berlin. Quentin Tarantinos Markenzeichen sind sein makabrer Humor, pointierte Dialoge, überzeichnete Gewaltszenen und das Gespür für coole Helden. Das war schon bei seinem ersten großen Erfolg "Reservoir Dogs" und dem Kultfilm "Pulp Fiction" vor mehr als 20 Jahren so, und setzte sich auch bei seinen jüngsten Erfolgen wie "Inglourious Basterds" fort. Nun folgt "The Hateful 8", ein Western in der verschneiten Weite der USA - ein typischer Tarantino mit einem furiosen, blutigen Finale und gleichzeitig eine Ode an alte Westernklassiker.

Wieder ein Rachefeldzug


"The Hateful 8" spielt irgendwo im Bundesstaat Wyoming, kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Ein Schneesturm zieht heran und treibt in der Einöde eine Gruppe höchst unterschiedlicher Charaktere zusammen. Zuerst ist da nur eine einzige Kutsche unterwegs: Ein Kopfgeldjäger will in der nächst größeren Stadt seine Prämie kassieren und möglichst schnell ankommen. Doch dann nimmt er in der Kutsche einen weiteren Kopfgeldjäger und später noch einen vermeintlichen Sheriff mit, bevor sie alle in einer einsamen Hütte stranden, wo noch ein paar andere Gestalten ausharren.

So kommt Tarantino auf seine "Hateful 8" - acht Männer, die sich erst argwöhnisch beäugen und bald hassend bekriegen. Schon wieder ein Rachefeldzug, schon wieder Kopfgeldjäger im Mittelpunkt: Tatsächlich kennt man ähnliche Themen aus Tarantinos Vorgängerfilmen wie "Django Unchained". Doch bei Tarantino wird das nicht langweilig, variiert er seine Motive doch so, dass auch "The Hateful 8" sich trotz einer Länge zwischendurch über die fast drei Stunden trägt.

Zu den Highlights des Films gehört vor allem das Spiel der Darsteller, diese Männer, die in der Hütte mit voller Wucht aufeinanderprallen: Kurt Russell etwa ist ein Kopfgeldjäger, den man mit den zauseligen Haaren, dem vollen Bart und dem buschigen Mantel zuerst gar nicht erkennt. Tim Roth spielt einen Henker mit britischem Akzent und Bruce Dern einen rassistischen General.

Der wahre Held dieser Runde aber ist der schwarze Kopfgeldjäger Major Marquis Warren, verkörpert von Tarantino-Stammdarsteller Samuel L. Jackson ("Pulp Fiction"). Die anderen Männer, allesamt Weiße, verachten und unterschätzen ihn. Doch Warren überrascht als aufmerksamer und gerissener Beobachter der Geschehnisse seine Gegner - und die Zuschauer - immer wieder.

Als einzige Frau unter acht Männern behauptet sich außerdem Jennifer Jason Leigh. Die meiste Zeit ist sie zwar angekettet an John Ruth (Russell), der die hohe Prämie auf den Kopf der Mörderin haben will. Doch ihre Augen sind trotz des dunkelblauen Veilchens hellwach, ihr Kampfgeist trotz blutig verschmiertem Gesicht ungebrochen, und auch wenn ihr später ein paar Zähne herausgeschlagen werden, brüllt sie ihre Hasstiraden weiter trotzig heraus - ihre energiegeladenen Auftritte gehören mit zu den besten Momenten des Films.



Tarantino weiß aber nicht nur seine Helden effektvoll in Szene zu setzen. Auch Musik spielte bei ihm immer eine große Rolle. Dieses Mal ließ er sogar die Legende Ennio Morricone die gesamte Filmmusik schreiben. Der Italiener, weltberühmt durch seine Arbeiten wie zu "Spiel mir das Lied vom Tod", ist zwar mittlerweile schon 87 Jahre alt. Doch sein epischer Sound hat nichts von seiner Kraft verloren und ist bereits für einen Oscar nominiert: Mal erklingen nur ein paar helle, klare Klaviertöne, an anderen Stellen baut sich die Orchestermusik voller Streicher bombastisch auf und unterlegt die Dramatik der Bilder.

Wenige 70-Millimeter-Kinos


Auch die Optik erinnert an Westernklassiker, drehte Tarantino "The Hateful 8" doch auf dem kaum noch verwendeten 70-Millimeter-Format. Die schneeverhangene Weite, die Berge, sie wirken bei diesem extrem breiten Kinobild noch majestätischer, noch imposanter. Allerdings werden das nur wenige Zuschauer auch so sehen können - gerade einmal vier Kinos in ganz Deutschland (Berlin, Hamburg, Essen, Karlsruhe) sind entsprechend ausgestattet.

In der zweiten Hälfte dann entfaltet sich das Finale. Da werden Innereien erbrochen, Hirnfetzen spritzen umher. Das ist blutig und brutal und kann einem durchaus sinnlos erscheinen, zumal Tarantino es hier nicht wie in dem Sklavendrama "Django Unchained" in einen übergeordneten Kontext einordnet. Wem das aber egal ist, kann an "The Hateful 8" dennoch seinen Spaß haben, immerhin kombiniert der Regisseur den Exzess mit überraschenden Wendungen und überdrehtem Humor.

___

Regie: Quentin Tarantino - Mit: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh - Musik: Ennio Morricone - 187 Minuten - frei ab 16 Jahren - Im Internet: www.thehateful8.de/#/home

Quentin TarantinoQuentin Tarantino, 1963 in Knoxville/Tennessee geboren, brachte sich das Filmhandwerk zu großen Teilen selbst bei. Die Schule brach er in der 9. Klasse ab. Er jobbte erst als Platzanweiser im Porno-Kino, dann als Mitarbeiter in einer Videothek - und finanzierte sich so jahrelangen Schauspielunterricht.

Schon mit seinem Spielfilm-Debüt "Reservoir Dogs" feierte Regisseur Tarantino seinen Durchbruch - das Werk von 1992 wurde zu einem Kultfilm der Independent-Szene. Zwei Jahre später machte ihn "Pulp Fiction" zu einem der wichtigsten Filmemacher seiner Generation. Das verschachtelt erzählte Neo-Noir-Werk zählen Kritiker zu den bedeutendsten Filmen der 1990er Jahre. Seinem Faible für rohe Gewalt blieb Tarantino auch in "Kill Bill" Teil 1 und 2 (2003/2004) treu, einem blutroten Epos über den Rachefeldzug einer Profikillerin.

Das kunstvolle, fast comicartig brutale Ausleben von Rache ist eines von Tarantinos wichtigsten Stilmitteln. Das gilt etwa auch für den Südstaaten-Western "Django Unchained" (2012) und "Inglourious Basterds" von 2009, in dem eine Truppe jüdisch-amerikanischer Soldaten Jagd auf Nazis macht. Tarantino (52) gewann bisher zwei Oscars und zwei Golden Globes. Im Dezember 2015 erhielt er einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame. (dpa)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.