Regensburger Künstler macht Furore in Dakar
Die Farbe des Blutes: Models in Rot

Model mit Burka? Auf den ersten Blick ein Blutfleck im Wasser, der sich ausbreitet, eine feuerrote Qualle, die geschmeidig ihren Schirm im Wasser treiben lässt. Tom Neumeier verhüllt senegalische Top-Models, um das wesentliche des Menschen freizulegen. Bilder: Neumeier
 
Tom "Leather" Neumeier, der coole Regensburger Künstler mit Beuys-Hut.

Eine Flucht mal in die andere Richtung: Der Künstler Tom Neumeier verbringt seinen 40. Geburtstag rund 6000 Kilometer südwestlich von Regensburg in Dakar - und gerät in ein aufsehenerregendes Kunstprojekt mit afrikanischen Models.

Dakar. Es ist ein Spiel mit Widersprüchen. Tom Neumeier postet aus seinem Hotel in der Hauptstadt des Senegals einen Artikel über das Burka-Verbot im Neutraublinger Schwimmbad. "Die Leute hätten hier gerne solche Probleme", schüttelt er verständnislos den Kopf. "Die Top-Models, mit denen ich hier arbeite, stehen mit einem Fuß im Gefängnis - muslimische Frauen können bereits in einem Badeanzug verhaftet werden."

Im Swimmingpool über den Dächern der westafrikanischen Metropole rekelt sich ein rotes Geschöpf im azurblauen Wasser. Erschreckend schön wird das später auf den Fotografien des Oberpfälzers aussehen, der in Nürnberg Konzeptkunst studierte. Auf den ersten Blick ein Blutfleck im Wasser, der sich ausbreitet, eine feuerrote Qualle, die geschmeidig ihren Schirm im Wasser treiben lässt. Niemand, der dieses Schauspiel sieht, käme auf den Gedanken, dass der seidene Umhang der Frau schmutzig sein könnte - Neutraublings Bürgermeister müsste sich um die Hygiene nicht sorgen.

Schwebende Seide


Und auch muslimische Sittenwärter müssen zugeben: Diese Models sind züchtig bedeckt, da gibt's nichts zu beanstanden. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Denn natürlich macht gerade dieses Vexierspiel den Reiz der Szene aus. Die polymorphe, im Wasser schwebende blutrote Seide verdeckt die Banalität des kommerziellen Cat-Walk. Nicht vermarktbare Perfektion eines mageren Frauenkörpers steht im Fokus, sondern das Geheimnis, das der Stoff verhüllt: "Unter der dünnen Hautschicht sind wir alle gleich - dieser ganz besondere Saft ist Rot, auch wenn wir außen bleich, braun oder schwarz sind."

Innere Werte


In der Kunst und im wirklichen Leben sollten die inneren Werte zählen: Beschämend, dass manche noch immer den Wert des Menschen von der Pigmentierung seiner Haut abhängig machen. "Genau so absurd ist es, die kulturelle Identität an einem Stück Stoff festzumachen - das Kopftuch, die Burka, Badehose oder Baseball-Cap", sagt der Fotograf.

In Europa kann ein Stück Stoff darüber entscheiden, ob man dazugehört oder nicht. In manchen islamischen Ländern sogar über Sein oder Nicht-Sein. Mit aller Brutalität, zu der Menschen fähig sind, reicht der kleinste Unterschied in der Kleiderordnung für drastische Konsequenzen - von der Ausgrenzung bis zur Vernichtung der Existenz.

Neuer Kunststil?


Tom Neumeier, Künstlername Tom Leather, dreht den Spieß um: "Wenn man früher was Kritisches über die Politik in Bayern sagte, hieß es - geh halt rüber! Heute hört man, mach' das mal in einem islamischen Land." Der Regensburger befolgt diesen Appell und macht damit Furore:

Senegalesische Fernsehsender berichten über den Exoten mit dem Beuys-Hut und dem Faible für die "soziale Skulptur". Das Goethe-Institut ist an dem Projekt interessiert. Und eine Kunsthistorikerin, die für ein großes Londoner Auktionshaus tätig ist, findet sogar, der Oberpfälzer habe eine neue Art von Fotografie erfunden: "Form exchange", nennt sie das in bestem Denglish, der Austausch von Formen. Oder panta rhei, wie der alte Heraklit schrieb: Alles fließt und ändert sich - das Wasser, in das der Badegast seinen Fuß hält, ist schon nicht mehr dasselbe wie vor zehn Minuten.

Der Oberpfälzer jedenfalls fühlt sich in Dakar, dieser Oase am Atlantik umgeben von der riesigen Sahara, angekommen und aufgenommen - neudeutsch: fast schon integriert. Und das, ohne bei seinen Gastfreunden die bayerischen Prägungen verleugnen zu müssen. Anstatt Ängste und Abwehr entfacht der Exot Neugier: "Sogar eine Anwältin von Präsident Chérif Macky Sall hat Kontakt zu mir aufgenommen." Die Ausstellungseröffnung am Wochenende im Hotel "La Manoir" war ein gesellschaftliches Event ersten Ranges - keine trockene Vernissage mit hochtrabenden Reden, sondern eine Eröffnungsparty am Pool mit afrikanischer Lebenslust, französischen und senegalesischen DJs und Neumeiers neuen Freundinnen, den Topmodels des Landes:

"Wir haben das Gefühl, das wir gemeinsam Grenzen einreißen können, während sie woanders wieder hochgezogen werden", sieht er seinen Auftrag als noch nicht erfüllt. "Die Mädchen haben eine Hoffnung: frei zu leben, wie wir das in Europa können." Mit der Einschränkung: "Falls wir uns vom Terror nicht verrückt machen lassen und unsere Freiheit an Rechtspopulisten ausliefern."

___



Fotoshooting am Pool in Dakar:

www.onetz.de/bildergalerie

Europäisches Erbe: Sklaverei und ArmutDakar, Hauptstadt Senegals, auf der Cap-Vert-Halbinsel an der Atlantik-Küste ist mit rund einer Million Einwohner größte Stadt des islamisch geprägten Landes. 1857 wurde Dakar rund um ein französisches Fort gegründet. Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert wurden von hier Sklaven nach Amerika und Europa verschifft. Der Senegal wurde am 20. August 1960 eine unabhängige Mehrparteiendemokratie. Das Erbe der Kolonialzeit, Abhängigkeit von wenigen Exportgütern wie Erdnüssen, Phosphaten und Fisch, Bevölkerungswachstum und Staatsverschuldung führten ab den 1980er Jahren zu Verarmung und sozialen Spannungen. Heute ist der Senegal ein armes, von Krediten der Industrie- und Erdölländer und Entwicklungshilfe abhängiges Land. (jrh)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.