Reise im Südwesten Frankreichs
Die Anmut der französischen Provinz

Mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg "gestalten" die Relikte des "Atlantikwalls" noch ganze Strandabschnitte - wie hier am Cap Ferret. Die massiven Elemente aus Stahlbeton muten unwirklich an: wie aus einer anderen Welt.
 
Die geometrisch, stringent angelegten Gärten von Manoir d'Eyrignac sehen mit ihren 300 Formaten wie ein Gesamtkunstwerk aus.

Austragungsstätte für ein Viertelfinale bei der EM ist Bordeaux. Eine Reise ins südwestliche Frankreich lohnt auch abseits des Fußballs. Landschaft, Kultur, Wein und Essen stellen mehr als eine Alternative dar.

Mit Frankreich verbanden sich bisher ausschließlich Jugend-Erinnerungen, etwa Kanufahren auf der Ardeche, ausgefüllte Tage in Paris, Jugendkonzil in Taizé oder Impressionisten in der Provence. Die jüngste Reise zu Beginn der Fußball-EM in den Südwesten des Nachbarlands frischt die verschütteten Gefühle nicht nur wieder auf, sondern gleicht der Wiederentdeckung einer "alten Liebe".

In eineinhalb Flugstunden Entfernung von München eröffnet sich ein Kaleidoskop überwältigender, intensiver Eindrücke. Eigentlich müsste die Trikolore die Farbe Grün beinhalten: So allgewaltig, in hundertfachen Grün-Schattierungen drängt der urwaldähnliche Bewuchs an die schmalen Sträßchen heran, die sich kurvenreich durch den Naturpark "Parc naturel régional des causses du Quercy " schlängeln. Üppig, wild und ungezähmt macht sich die Natur breit und ist dabei, die aufgegebene Kulturlandschaft (Viehweiden) zurückzuerobern. Keine auf wirtschaftliche Effizienz bedachten Staatsforsten räumen hier den Wald aus, kein ADAC drängt auf die Begradigung der Sträßchen, die sich mit besseren Flurbereinigungswegen vergleichen lassen. In die Landschaft passen sich - weit verstreut - die (Ferien-)Ansitze aus ockerfarbenen Natursteinen ein.

Rocamadour spektakulär


Pittoreske Romantik strahlen die kleinen Dörfer aus, in die sich kaum ein Tourist verirrt. Samstagmittag im Dörfchen Thegra: Um den winzigen Marktplatz mit dem Kriegerdenkmal im Mittelpunkt gruppieren sich im Rund ein ländliches Restaurant, das Rathaus, die Kirche - und eine Boulangerie. Die freundliche Inhaberin belegt die unvergleichlich fluffigen Baguettes mit den Spezialitäten der Region: Cabécou Ziegenkäse aus Rocamadour und Walnüssen, dazu passt ein frischer Rosé, perfekt ist der qualitätsvolle Imbiss. Ein Muss ist ein Besuch von Rocamadour. Der Ort schmiegt sich spektakulär an einen mehr als 100 Meter hohen Steilfelsen, der vom Causse-Hochplateau in die Schlucht des Alzou-Bachs abfällt. Der 900 Jahre alte Wallfahrtsort mutet an wie ein Mix aus Lourdes und Mont-St-Michel und ist bedeutende Zwischenstation des Jakobswegs. Die Stufen des Kreuzwegs führen in einen mythischen Zauberwald, vom Steilfelsen tropft Wasser und die Bäume sind dick von Moos ummantelt. In der Wallfahrtskirche selber, einer romanischen Basilika, versammelt sich gerade eine Pilgerschar zur Andacht. Der junge (französische) Geistliche stimmt mit seiner Tenor-Stimme alte Kirchenlieder an; Schwalben schwirren durch das offene Portal und zwitschern die Begleitmusik, durch das farbige Hauptfenster strahlt die Morgensonne.

Problem Landflucht


Einen herrlichen Ausblick auf das Tal der (hochwasserführenden) Dordogne erlaubt das Dorf Meyronne. Der Fluß ist ansonsten ein Ziel der Kanufahrer, hell ragen die Steilfelsen in den Himmel. In einem mittelalterlichen Ansitz von Meyronne verbirgt sich ein charmantes Hotel und ein erstklassiges Restaurant. Die aparte Chefin opfert ihre Vorräte an hausgemachter "foie gras", dazu mundet ein duftiger Riesling aus dem Elsass. "Le goût ne voyage pas", der Geschmack (ver)reist nicht. Unterhalb rauscht die Dordogne: Ein Leben wie Gott in Frankreich!

Nicht verschwiegen werden dürfen die gerade in den mittleren Städten sichtbaren Folgen der Landflucht mit einer horrenden Zahl von Leerständen (da ist die Situation in der Nordoberpfalz vergleichsweise paradiesisch) und die trostlosen Gewerbegebiete mit ihren Brachen und Auswüchsen. Hier stellt Bauleitplanung im wahrsten Sinne ein Fremdwort dar. Die Probleme Frankreichs mit einer fortschreitenden Deindustrialisierung werden gerade in der Provinz vor Augen geführt. Quasi einer Flucht gleicht die Abreise aus dem Wein-Mekka St. Emillion, wo ab 10 Uhr die Touristenströme die Straßen verstopfen und auf den Plätzen mit der Plörre Sangria (!) geworben wird: inmitten des Herzens von Pomerol und Co. Nah und doch unerreichbar sind die benachbarten Top-Weingüter wie Petrus, Cheval Blanc, La Fleur, Canon oder Gaffaliere. Ihr schierer Anblick bewirkt einen Hauch von önologischer Andächtigkeit ...

Den Schlusspunkt setzt die elegante Großstadt Bordeaux. Das morgendliche Frühstück in einem Café gleich um die Ecke (große Auswahl zum kleinen Preis) inmitten von Studenten, Handwerkern und Geschäftsleuten hat seinen besonderen Reiz. Eine dreiviertel Autostunde westlich von Bordeaux versetzt die Bucht von Arcachon am Atlantik mit ihren weiten Sandstränden und kristallklarem Wasser in die Karibik: Wären da nicht die recht frischen Wassertemperaturen. So anmutig ist Frankreich, dass man bei der Erinnerung wehmütig wird.
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