Reiseskizzen aus dem noch unentdeckten Zentralmassiv
Im grünen Herzen Frankreichs

In Issoire betonen die im 19. Jahrhundert neu bemalten Säulenkapitelle die Lebendigkeit der dargestellten Szenen - wie hier das Heilige Abendmahl.
 
Der Lac Chambon ist Schauplatz einer Legende, die für eine Jungfrau kein gutes Ende nahm.

Für unsere dritte Reise in das grüne Herz Frankreichs haben wir uns drei besondere Ziele ausgewählt: die erloschenen Vesuve, wie George Sand sie einmal bezeichnet hat, jene Städtchen, deren Name eine Käsesorte berühmt gemacht hat, und drei neunhundert Jahre alte romanische Gotteshäuser, die wir zuvor "verpasst" hatten.

Von Peter Tamme

Beginnen wir also mit den 22 Vulkanen der Auvergne, die fast alle den Namen "Puy" tragen. Beim letzten Mal haben wir ein vulkanisches Dreigestirn besucht. Es besteht aus dem 1694 Meter hohen Plomb du Cantal mit seinem traumhaften Panoramablick, dem 1885 Meter hohen Puy de Sancy mit seinen Wintersportanlagen und schließlich dem "König der Auvergne", nach dem auch das Département seinen Namen trägt, dem 1465 Meter hohen Puy de Dome nahe der Autoreifenstadt Clermont-Ferrand. Die meisten nach Südfrankreich strebenden Reisenden umfahren diese Gebirgslandschaft weiträumig. Nur die tapferen Pedaleure der Tour de France zollen dem Zentralmassiv ihren Respekt - auch heuer wieder.

Für diesmal haben wir uns den spitz geformten 1787 Meter hohen Puy Mary ausgesucht. Zu seinen Füßen liegt der 1582 hohe Peyrol-Pass, der eine Annäherung von mehreren Seiten erlaubt und der in der Ferienzeit stark frequentiert ist. Nach dem Abstieg schmeckt in der geräumigen Berghütte ein pizzagroßer Kuchen, der dick mit aromatischen, hier in der Umgebung gesammelten Heidelbeeren belegt ist. Es schmeckt auch, wenn draußen Nebel und Wolken den Blick auf den Gipfel verhindern.

Bei Sonnenschein erlaubt der gut ausgebaute Weg einen leichten Aufstieg zur Puy-Spitze. Oben reicht der Blick bis zu einer ganzen Kette von grünen Vulkanen. Vor dem Abstieg folgt man dem Beispiel der Anderen und hinterlässt ein Steinchen auf den so entstandenen Pyramiden.

Inzwischen gibt es mehrere ausgeschilderte Wanderrouten im Zentralmassiv. Wer in unserer lauten Zeit noch einmal ausgiebig Kraft aus der Stille, der Einsamkeit und der unberührten Natur schöpfen will, wird in der Auvergne nicht enttäuscht. Es muss ja nicht unbedingt einer der Jakobspilgerwege sein, der seit Jahrhunderten in Le Puy-en-Velay beginnt. Die vielen kleinen Seen haben ihre eigenen Legenden. Am Lac Chambon erinnert eine hohe Felsnadel namens "Jungfrauensprung" an eine von einem Adligen bedrängte junge Schäferin, die schließlich die Muttergottes um ihre Hilfe bat, sich in den See stürzte und gerettet wurde. Doch dann wiederholte die Leichtsinnige ihren Sprung, um Zweifler zu überzeugen - und ertrank.


___ Riesige Käselaiber
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Typisch für die französischen Landschaften - nicht nur im Zentralmassiv - sind die vielen im Freien weidenden Rinder. Die Kühe werden mit ihren Kälbern draußen gelassen. Nur so produzieren sie die Milch für Käsesorten, deren Name das Wasser im Munde von Feinschmeckern sprudeln lässt. Von den Hausfrauen auf den zahlreichen Wochenmärkten ganz zu schweigen. Sie alle kennen die zum Teil riesigen Käselaiber, die aus kleinen Städten stammen: Salers, Saint-Nectaire, Murol. Der "kräftigste" im Geschmack trägt den Namen der Region "Bleu d'Auvergne" und der voluminöseste kommt aus dem Cantal.

Zum Abschluss dieses "appetitlichen" Kapitels ein Hinweis: Falls die Flasche heimischen Rotweins gerade beim Genuss eines Stücks saftigen Salers-Fleisches geleert worden sein sollte, ordert man eine weitere Flasche, um so dem heimischen Käse die ihm zustehende Ehre zu erweisen.

Wenden wir uns nun den romanischen Kirchen zu, die in der Auvergne ihre ganz eigenen Stilelemente gefunden haben. Die ehemalige Klosterkirche von Monastier wurde bereits 680 gegründet. Was die Sarazenen von ihr übrig gelassen haben, ist neben einer prächtigen Reliquienbüste des hl. Theobald ein Musterbeispiel für die überaus gelungene Verwendung der Naturstein-Materialien zu dekorativen Zwecken. Jeder Baumeister hat so seinem Gotteshaus eine individuelle Note gegeben.

Dies gilt auch für St. Gilles an der Loire-Schlucht. Neben ihrem riesigen Kuppelgewölbe und ihrer Lage direkt über dem Fluss erinnern wir uns an ein Beispiel typisch gallischen Humors. An der Kirchentür hing ein Handy-Verbot mit dem Text: "Es ist möglich, dass Sie beim Eintreten Gottes Appell an Sie hören. Es ist aber unwahrscheinlich, dass ER Sie per Handy kontaktiert." Besonders beeindruckt in Issoire die dem heiligen Austremonius geweihte Kirche. Ihr achtsäuliger Chorumgang wurde im 19. Jahrhundert vollständig neu ausgemalt. Die heute noch etwas grell wirkenden Farben der Kapitelle verstärken jedoch die Lebendigkeit der dargestellten, in Stein gehauenen biblischen Szenen, wie zum Beispiel des Heiligen Abendmahls.


___ Edles Porzellan
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Für Reisende aus der Oberpfalz ist bei der Rückreise ein Umweg über Limoges fast ein Muss. Neben dem aus Sèvres ist hier das edelste französische Porzellan entstanden. Noch heute speist der französische Präsident in seiner Sommerresidenz von Limoges-Porzellan der Serie "Kaiserin Eugénie". Hier hören wir jedoch auch, dass fristlos entlassene Angestellte "limogiert" wurden. Der Ausdruck stammt aus dem Ersten Weltkrieg, als man die Generäle, die die ersten Schlachten verloren hatten, weit weg von Paris nach Limoges strafversetzte.

Ein letztes Geständnis: Natürlich gibt es in der Auvergne immer noch "weiße Flecke", die schon auf eine nächste Reise nach Zentral-Frankreich Appetit machen.

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