Revoluzzer-Poesie aus Nicaragua

Das Walle-Haar und die Baskenmütze sind die Markenzeichen von Ernesto Cardenal. In der Pause musste er zahlreiche Bücher signieren. Bild: Gibbs

Der fast 90-jährige Ernesto Cardenal zieht das Publikum in der Regensburger Dreieinigkeitskirche in seinen Bann. Seine Botschaft von der Liebe ist auch bei jungen Menschen noch aktuell.

Regensburg.Einen ungewohnten Anblick gab es am Montagabend in der Regensburger Dreieinigkeitskirche. Der Altar erstrahlte in grünem, rotem und pinkem Scheinwerferlicht. Ernesto Cardenal hatte die Band "Grupo Sal Duo" mitgebracht, die seine Lesung begleitete. Knapp 500 Fans schwelgten in lateinamerikanischer Literatur und Musik.

Friedenspreis 1980

In wenigen Wochen wird er 90 Jahre alt, doch in Regensburg blitzte in seinem Gesicht die Neugier und der Schalk eines kleinen Jungen auf. Als Dichter, Priester, Revolutionär und Politiker aus Nicaragua setzt sich Cardenal seit mehr als einem halben Jahrhundert für eine gerechtere Welt ein, gilt vielen als Vorbild und Inspiration.

Entsprechend großen Anklang fand seine Konzertlesung in der Dreieinigkeitskirche, organisiert von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Drei Wochen tourt Cardenal durch 13 Städte in Deutschland, Österreich und Slowenien, um aus seinem Buch "Etwas, das im Himmel wohnt" mit unveröffentlichten Gedichten zu lesen.

Die Baskenmütze und das weiße Walle-Haar sind seine Markenzeichen. Viele der Zuhörer waren ebenfalls ergraut, aber auch junge Menschen suchten sich einen Sitz auf den Kirchenbänken. Cardenals Botschaft von der Liebe, die immer auch eine politische Dimension hat, scheint universell attraktiv zu sein.

Harald Zintl, Leiter des Regensburger FES-Büros, stellte den Autor als einen Mann der vielen Rollen vor. 1925 in Granada geboren, kämpfte Cardenal schon als Student gegen Diktator Anastasio Somoza. Als Priester war er bekennender Vertreter der Befreiungstheologie, als nicaraguanischer Kulturminister setzte er sich in den 80er Jahren für eine umfassende Alphabetisierungskampagne ein.

Der Abend glich einem Streifzug durch das Leben des Revolutionärs, beginnend mit Liebesgedichten aus seiner Jugendzeit. In farbigen Worten beschrieb Cardenal, der 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hatte, seine Gefühle zu seiner Angebeteten Claudia - und seinen Schmerz, als er sie verlor. Die Schönheit der Mädchen sei es gewesen, die ihn "zur Liebe zu Gott führte, der Quelle aller Liebe".

Es folgten Gedichte, die während des Guerillakampfs entstanden. Cardenal musste damals vor einem Kriegsgericht aussagen - und sortierte seine Gedanken, als er nachts auf einem Boot zur Insel zurückfuhr, wo seine Gemeinschaft lebte. Er sah "die Sterne der Galaxie, wie eine Gruppe Tänzer, alles in Bewegung". Die Zeit nach dem Sieg der Revolutionäre symbolisierte Cardenal mit der Rückkehr der Tiere, der Kojoten, Kaninchen und Vögel - weil Wälder, Wiesen und Gewässer sich nach den "Abholzungen der Großgrundbesitzer und der kapitalistischen Abwasser-Verseuchung" erholen konnten.

Vortrag auf Spanisch

Eine "Menschheit ohne Klassen", das sei es, wofür er immer gekämpft habe, sagte Cardenal, der die Gedichte melodisch in seiner Muttersprache vortrug. Wer des Spanischen nicht mächtig ist, musste auf die Übersetzung von Sprecher Lutz Kliche warten. Dem Wohlwollen des Publikums tat das keinen Abbruch. In der Pause bildete sich eine lange Schlange von Menschen mit Signierwünschen, die durch die ganze Kirche reichte.
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