Salzburger "Zauberflöte" geht unter dem Dirigat von Nikolaus Harnoncourt neue Wege und verirrt ...
Funkenfreier Opernklassiker mit Schauwerten

Tamino (Bernard Richter) kämpft gegen die bösen Gedanken, die mit grotesken Monstermasken daherkommen. Bild: Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele
Kultur DE/WELT
Deutschland und die Welt
09.08.2012
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Das meistgespielte Werk der Operngeschichte, "Die Zauberflöte" von Wolfgang Amadeus Mozart, ist immer gut für einen Festival-Auftakt - vor kurzem in Regensburg, jetzt in Salzburg. Das Besondere diesmal? Mit einer hochkarätigen Besetzung und unter der musikalischen Leitung von Nikolaus Harnoncourt gelingt in der österreichischen Kulturmetropole zwar keine absolut mitreißende Variante der Oper, aber zumindest eine Inszenierung, die neue Wege geht.

Nachhaltig beeindruckend ist die Bühne von Mathis Neidhardt. Seine lautlos gleitenden Türenfronten formieren sich zu unterschiedlichsten Räumen, die die starre Optik der Salzburger Felsenreitschule in ihrem italienischen Ambiente erweitern. In der Spannung von intimem Innenraum und urbaner Weite, von Dachterrasse und schmalen Gassen, überdimensionierter Reihung und bedrohlicher Enge schafft das Bühnenbild parodistischen Handlungswitz und offeriert unerwartete Perspektiven.

Weniger wäre mehr

Hier geht das Regiekonzept von Jens Daniel Herzog gut auf, die Kostümoptik (Mathis Neidhardt) pendelt zwischen Klischees und deren Bruch - wobei zuweilen weniger mehr gewesen wäre. Ein unterhaltsames Spiel ist das Ganze, eine kleine Hommage an Bella Italia inklusive Papagenos Piaggio-Mini-Lieferwagen und romantischer Fackelkulisse.
Die Raumweite füllt Herzog mit witzigen Multiplizierungen (Choreographie: Ramses Sigl). Wenn Papageno etwa von einem Mädchen träumt, dann eilt gleich ein Dutzend junger Frauen heran. Und zum Schluss spiegelt nicht ein Kinderwagen das Happy-End, sondern derer gleich vier.

Vorher aber gilt es noch, die bösen Gedanken, die als glutäugige Monster aus den Türen lugen, zu therapieren. Dafür hat Sarastro eine Heerschar weißer beschürzter Mediziner.

Manostatos als lüsternen Lehrer in einer kniestrümpfigen Schülermeute zu zeigen, wirkt weniger provokativ und aktuell als retro, schärft aber den Blick und sorgt als burlesk-unterhaltsame Verfremdung für neue Perspektiven. Neue Perspektiven zu schaffen, das ist auch das Ziel Nikolaus Harnoncourts, der mit seinem Ensemble "Concentus Musicus Wien" auf historischen Instrumenten zum ersten Mal die "Zauberflöte" dirigiert und dabei ganz neue Klangqualitäten erzielt.

Die Ouvertüre etwa wird zum Klangerlebnis mit feinsten Facetten. Allein: Die Freude am nuancierten, die Sänger unterstützenden Dirigat nimmt der "Zauberflöte" insgesamt den Schwung. Die Rezitative ziehen sich durch lange Pausen. In den großen Arien der Königin der Nacht (Mandy Fredrich) und Sarastros (Georg Zeppenfeld) fehlt die Magie des mächtigen Willens. Und Rudolph Schasching bleibt als Manostatos zumindest stimmlich den Bösewicht schuldig.

Rechnung geht nicht auf

Mit Bernhard Richter (Tamino) und Julia Kleiter (Pamina), Markus Werba (Papageno) und Elisabeth Schwarz (Papagena) sind die beiden Liebespaare bestens besetzt. Bei den "drei Damen" singt sich Sandra Trattnigg in den Vordergrund, Anja Schlosser zieht mit, Wiebke Lehmkuhls Altstimme dringt weniger durch. Den Tölzer Sängerknaben verzeiht man kleine Unebenheiten, den Sängern unexakte Einsätze.

Fazit: Die "Oper als Gesamtkunstwerk", wie sie Harnoncourt vorschwebt, wird akustisch und optisch spürbar, der Funke zündet in dieser "Zauberflöte" aber nicht.

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Weitere Vorstellungen am 11., 13., 17. und 19. August.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.salzburgerfestspiele.at
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