Schonungslos den Spiegel vorgehalten

Verleger Gerhard Steidl und Ute Grass, die Witwe von Günter Grass, präsentieren am Dienstag im Günter-Grass-Archiv in Göttingen das letzte Buch "Vonne Endlichkait" von Günter Grass. Erstverkaufstag des Werkes ist am Freitag, 28. August. Bild: dpa

Knapp ein halbes Jahr nach dem Tod von Günter Grass erscheint sein letztes Buch: "Vonne Endlichkait" verknüpft Prosa, Bleistiftzeichnungen und Lyrik. Ein Kunstwerk - intim, melancholisch, heiter und polternd.

Bis in seine letzten Tage arbeitet Günter Grass an dem ungewöhnlichen Band "Vonne Endlichkait". Der 87-jährige Nobelpreisträger schreibt Prosa und Lyrik für dieses Buch zugleich mit teils direkt aufeinander bezogenen Doppeltexten und illustriert schon die erste handschriftliche Manuskriptfassung mit Zeichnungen. Dann plötzlich eine Infektion; Tage später, am 13. April, stirbt er in Lübeck. In jener Woche hätte er eigentlich nach Göttingen reisen und mit seinem langjährigen Verleger Gerhard Steidl das nahezu vollendete Buch druckfertig machen wollen.

Nun liegt es trotzdem vor, kommt am Freitag, 28. August, in die Buchhandlungen - mit einer Bestseller-Startauflage von 50 000 Exemplaren. Was den Leser erwartet, ist ein freimütiges und berührendes Werk. Steidl würdigte die Arbeit bei der Vorstellung am Dienstag: "Günter Grass hat uns mit dem Buch ein bewegendes Abschiedsgeschenk hinterlassen. Ich glaube, dass ihm noch einmal etwas Großes gelungen ist." Kein Roman mehr, dazu fehlte Grass die Kraft. Laut Seidl sei auch nicht zu erwarten, von dem Autor noch ein neues, heimlich unter dem Bett verstecktes Manuskript zu finden. Dafür aber werde es voraussichtlich Veröffentlichungen von Briefwechseln und Tagebuchpublikationen geben.

Über seine Zahnprothese

Und natürlich das literarische, persönliche Vermächtnis von 96 Miniaturen auf 176 Seiten: Vom Dreizeiler bis zu längeren Gedichten, dazu Prosa, meist nur eine Seite. Ausdrucksstarke Zeichnungen korrespondieren mit den Texten: krepierte Vögel, ein Elchschädel und daneben Grass' Zahnprothese. Oder jenes Selbstporträt, das Grass mit geöffnetem Mund und nur noch einem Zahn zeigt. Im Gedicht "Selbstbild" daneben heißt es: "Gaumenkauer, Mümmelgreis/dem nur löffelweise Brei bekömmlich/lägen nicht im Wasserglas/nachts und reinlich dritte Zähne."

Grass lässt - schonungslos gegen sich selbst - Einblicke zu in die Seelenzustände eines alten Mannes, der den Verfall seines Körpers bei messerscharfem Verstand miterlebt. Und Grass, in der Kindheit Messdiener und später aus der Kirche ausgetreten, reißt lakonisch letzte Fragen an: "Mein Gott, dein Gott, unser.../soviel Anspruch auf Besitz/Am Ende der Quasselrunde nur leere Flaschen/(...)" Im ersten Text "Vogelfrei sein" beschreibt Grass, dass ihn der Kuss "einer nebenberuflich tätigen Muse" trotz aller Altersbeschwerden noch einmal zur Schreibfeder und zum Bleistift hat greifen lassen. Es schimmert - in Anlehnung an Descartes' "Cogito ergo sum " (Ich denke, also bin ich) quasi als Grass-Motto durch: "Ich schreibe und zeichne, also bin ich."

Und so ist das Buch auch ein Wiedereintauchen in das gelebte Leben, in die ekstatische Lust der körperlichen Liebe. Eine Hommage an Grass prägende Autoren wie Jean Paul (1763-1825) oder François Rabelais (um 1483-1553). Das Schreiben ermöglicht ihm, mit dem Ethnologen Claude Lévi-Strauss (1908-2009) ein fiktives Gespräch zu führen. Und es geht um Eifersucht, um den Tod von Freunden, natürlich auch um die Liebe des Kochs Grass zu Innereien, was die Enkel ekelt.

"Und was ich an dem Buch so bemerkenswert finde: Es ist ein streckenweise zum Brüllen komisches Buch", merkte Steidl am Dienstag an. Manche hielten Grass für einen verbiesterten Menschen, der allen seine Meinung habe aufdrücken wollen. "Aber er hat einen subtilen Humor, und in diesen Texten ist er noch einmal zu Hochform aufgelaufen." An einigen Stellen erwacht zudem noch einmal der alte politische Haudegen, so etwa im ätzenden Gedicht "Mutti" über Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): "Sie kanns mit jedem, bis er leergemolken/und faltig schlaff am Kleiderbügel hängt/Jetzt sind sogar die Sozis ihr ins Bett gekrochen/entlohnt mit trocknem Gnadenbrot."

Sarah Winter gewidmet

Gewidmet hat Grass das Buch der Steidl-Grafikdesignerin Sarah Winter, die auch dieses Werk mitgestaltet hat. Farbton, Papierwahl, die grafische Aufteilung von Text und Zeichnungen machen es neben dem literarischen auch zu einem sinnlichen Erlebnis, das E-Book-Nutzer nicht haben können.

Höhepunkt ist die mit acht Seiten längste, wundervoll humorvolle Geschichte "Worin und wo wir liegen werden". Im Stil seines 2014 gestorbenen Freundes Siegfried Lenz fabuliert Grass, wie er und seine Frau Ute sich vorsorglich zwei Särge tischlern und ins Haus bringen lassen. Und auch noch darin Probe liegen: "Wie seltsam, jeweils des anderen Atem zu hören. Beim Aussteigen wurde mir meine Frau behilflich. (...) Wenig später bedauerte meine Frau, von mir in der Kiste kein Foto gemacht zu haben, war aber entschlossen, bei nächster Gelegenheit mit ihrem Apparat zur Stelle zu sein: ,Du sahst so zufrieden aus', sagte sie."
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