Seelenbilder und Leichtigkeit im Tanz

Für den Nürnberger Ballettchef Goyo Montero bedeutet Cyranos Nase nicht nur Hässlichkeit und Makel. Sie ist auch eine Metapher für Erkenntnis und Macht. Bild: Jesús Vallinas

"Cyrano de Bergerac" feiert im Staatstheater Nürnberg eine umjubelte Balletturaufführung. Die Geschichte um den entstellten Titelhelden in der Inszenierung von Goyo Montero macht Lust auf mehr.

Nürnberg.Am Anfang war die Zellmasse. Ein pulsierender und wabernder Haufen. Das Nürnberger Tanz-Ensemble als sich stets neu verbindender und auseinanderstrebender Einheitskörper. Erst als Kostüme "vom Himmel" fallen, verwandelt sich die formlose Menge in Einzelwesen. Auch die Nase, die den armen "Cyrano de Bergerac" immer wieder zum Außenseiter macht, purzelt von oben herab. Hier allerdings wird sie zum Signum von Erkenntnis und Macht. Die Tänzer reichen sie herum. Wer sie trägt, dirigiert die anderen. "Mit dem Denken kommen die Individuen", wird Goyo Montero im Programmheft zitiert.

Collage an Emotionen

Schon seit Jahren beschäftigt den Nürnberger Ballettchef die berühmte Cyrano-Figur. Ihm fehlte aber lange die passende Musik. In den Opern von Jean Philippe Rameau (1683- 1764) fand er schließlich den Klang, der die Seelenbilder seiner Figuren zum Leuchten bringen würde. Zusätzlich komponierte der Kanadier Owen Belton knapp 20 Minuten Musik. Sie bildet eine atmosphärische Soundcollage aus Emotionen, die von Trauer und Melancholie über Frohsinn und Heiterkeit bis hin zu Wut und Verrücktheit reichen.

Blitzartig werden Stationen von Cyranos Lebensweg beleuchtet. Da ist die schöne Roxane (grazil und selbstbewusst: Marina Miguélez), die er mit seinen poetischen Versen verehrt. Und da ist Christian de Neuvillette (ein kraftvoller Max Zachrisson), der begehrenswerte Konkurrent. Roxane verliebt sich in beide, den äußerlich Schönen und den innerlich so Wortgewandten. Nicht nur die Fechtszenen von Cyrano und Christian, rhythmisch prägnant gestaltet, zählen zu den Höhepunkten dieses Ballettabends. Das gesamte Ensemble überzeugt mit pantomimischer Freude und tänzerischer Vielfalt.

Hohes Suchtpotenzial

Synchron bewegen sich die Protagonisten durch dichte Nebelwände oder über glatte Schrägen und verschwinden plötzlich wie mystische Wesen im Reich der Schatten. Großartig: Saúl Vega, der den Cyrano mit flinken und federleichten Schritten ausdrucksstark verkörpert. Riesige Rahmenbilder schweben über die Bühne, auf denen Videosequenzen zu sehen sind. Dazu das einfühlsame Dirigat von Gábor Káli, der mit den Staatsphilharmonikern farbenreiche Töne erschafft. Goyo Monteros erste Ballettpremiere in dieser Spielzeit setzt nicht nur neue Maßstäbe in Sachen Tanz und Choreographie. Sie besitzt auch großes Suchtpotenzial und macht Lust auf mehr.
Weitere Beiträge zu den Themen: Januar 2015 (7957)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.