Theater für die Kleinen hat großen Zuspruch

Ihre Häuser sind voll, ihre Spielpläne oft verblüffend nah an den neuesten gesellschaftlichen Debatten. Kinder- und Jugendtheater sind zurzeit sehr erfolgreich.

Auf den ersten Blick sieht die Welt der deutschsprachigen Kinder- und Jugendtheater rosig aus: Eine überdurchschnittliche Auslastung bescheinigt ihnen die Statistik. Kulturpolitiker schätzen sie als wichtige Bildungsorte. Doch die Szene beklagt, sie sitze trotzdem am Katzentisch - in der öffentlichen Wahrnehmung und bei der Finanzierung.

Frühzeitig aktuelle Themen

"Nach wie vor gilt, dass Theater für Kinder und Jugendliche per se billiger sein muss als das für Erwachsene", sagt die Geschäftsführerin des Verbands der Kinder- und Jugendtheater, Assitej, Meike Fechner. "Das spiegelt sich in Etats und Fördersummen." Diese Praxis habe wenig Sinn, müsse ein Schauspieler doch unabhängig von der Zielgruppe von seiner Arbeit leben können.

Dabei bedienten die Theater für ein junges Publikum oft frühzeitig aktuelle gesellschaftliche Themen. "Fremdsein, Heimat oder Flucht in digitale Parallelwelten, das haben wir schon seit Jahren in unseren Spielplänen", beschreibt die Leiterin des Jungen Schauspiels Zürich, Petra Fischer. Von hochkochenden Debatten, wie jetzt um die Pegida-Demonstrationen, würden daher eher die Erwachsenentheater überrascht.

Die Sparten für junges Publikum seien dagegen oft Seismographen für aktuelle Entwicklungen, sagt Fischer. Das bestätigt auch Jutta Maria Staerk, die in Köln das freie Comedia-Theater leitet. Anderssein und Einwanderung spiele in ihrem Haus schon seit Jahren eine große Rolle. "Doch von der breiten Öffentlichkeit wird das leider oft nicht wahrgenommen, da liegt der Fokus eher auf den großen Häusern."

Dabei berichten die Macher unisono, dass Theater für junges Publikum besonders nah dran sei. Es funktioniere nur, wenn es die Zuschauer emotional bewege und sich die Themen so in ihren Köpfen einnisteten, sagt Petra Fischer: "Kinder und Jugendliche zeigen viel direkter, ob sie sich angesprochen fühlen."

Nicht nur junges Publikum

Und es kommt schon längst nicht mehr nur junges Publikum, wie Jürgen Zielinski berichtet, der das Leipziger Theater der Jungen Welt (TdJW) leitet. "Kein Theater erreicht so einen breiten Bevölkerungsquerschnitt wie wir", sagt er und beschreibt sein Haus als Mehrgenerationentheater. Nach Altersempfehlungen sortiert hat das TdJW Stücke für Kinder ab 2 Jahren, Jugendliche und Erwachsene auf dem Spielplan. Es gibt Grimms Märchen, ein Tanzstück über die Droge Crystal Meth oder einen Abend in der Facebook-Scheinwelt.

Die Familienvorstellungen an Abenden und Wochenenden seien ebenso gut besucht wie jene für Schulklassen am Vormittag, sagt der Intendant. In der vergangenen Spielzeit verbuchte das Leipziger Jugendtheater 55 600 Zuschauer in 700 Vorstellungen und eine Auslastung von mehr als 90 Prozent. "Mehr geht nicht für das Geld, das wir zur Verfügung haben", sagt Zielinski.

Mit diesen Zahlen stehen die Leipziger als Beispiel für die ganze Szene. Der jüngsten Statistik des Deutschen Bühnenvereins zufolge erreichte Kinder- und Jugendtheater in der Spielzeit 2012/2013 die beste Auslastung. Sie lag im Durchschnitt bei 84,3 Prozent - und damit sechs Punkte über dem Wert für alle Sparten.

Die klammen Kassen vieler Kommunen stellten vor allem herumreisende kleine Ensembles der freien Szene vor große Probleme, berichtet Assitej-Geschäftsführerin Fechner. Insgesamt sei die Lage der Szene jedoch stabil. Bei der Verteilung der Kinder- und Jugendtheater gebe es nach wie vor große regionale Unterschiede, je nach Förderpraxis der Länder.

Zentrale Partner

Besonders stark sei die Szene in Baden-Württemberg, wo in den 70er und 80er Jahren mit gezielter Förderung viele Neugründungen entstanden seien, so Fechner. Eine ausgeprägte freie Szene habe etwa Nordrhein-Westfalen.

In allen Städten seien jedoch die Schulen die zentralen Partner, sagt Staerk vom Kölner Comedia-Theater. "Wenn die Kinder mit der Schulklasse ins Theater kommen, spielt es keine Rolle, ob ihr Elternhaus kulturaffin ist." Und im besten Falle würden Kinder selbst Theaterpaten und brächten beim nächsten Mal ihre Eltern mit, schildert Petra Fischer Beobachtungen am Zürcher Schauspielhaus.
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