Umfangreiche Novalis-Box
Im Rausch der Romatik

Die Hamburger Band Novalis startete im Herbst 1971 mit ihren lyrischen Texten und atmosphärisch dichten Kompositionen aus Rock und Folk. Damit avancierten sie schnell zu einer der beliebtesten Formationen der deutschen Rock-Szene. Bis heute veröffentlichten Novalis 14 Alben, die nun in einer opulenten Box mit Booklet und DVD plus Bonusmaterial zusammengefasst sind. Bild: Universal Music
 

Als das Hamburger Quartett Novalis Anfang 1973 sein Debütalbum "Banished Bridge" veröffentlichte, war noch alles anders: Gesungen wurde auf Englisch, man kam ohne Gitarre aus, die Vergleiche in den Medien gingen von King Crimson bis Pink Floyd, Sänger Jürgen Wenzel suhlte sich in versponnener Lyrik.

Im Jahr 1974 trennte man sich im Streit von Wenzel, stockte das Line-Up um einen Gitarristen auf, Bassist Heino Schünzel übernahm das Mikrofon, die Texte waren ab sofort auf Deutsch, gerne in der entrückten Art von Namensgeber und Dichter Novalis, des Inbegriffs für romantische Lyrik und Prosa schlechthin. Nach dem dritten Studiowerk "Sommerabend" drückte Schünzel das Mikro 1976 dem Österreicher Fred Mühlböck in die Hand, der den Hanseaten mit seinem kräftig-markanten Organ bis zum vorletzten Album"Bumerang" von 1984 erhalten blieb.

Elf Studioalben entstanden in knapp 15 Jahren Existenz bis 1985, wobei man das Frühwerk problemlos als Romantik-Prog bezeichnen kann, während ab den 1980ern die Tendenz hin zu schlichteren, eingängigeren Pop-Melodien ging. Jetzt ist die epochale 15 CD-Box "Schmetterlinge" (plus eine DVD) in den Handel gekommen, die nicht nur sämtliche Studio- wie Live-Werke dieser ungewöhnlichen Band enthält, sondern auch einige unveröffentlichte Aufnahmen. Der heute 65-jährige Keyboarder Lutz Rahn blickt zurück auf einen gewichtigen Teil seines künstlerischen Lebenswerks.

Die späteren Novalis-Alben hat man oft als die poppigeren Werke der Gruppe bezeichnet, während man die ersten Alben eher in die Progressive- und Romantik-Rock-Ecke gestellt hat. Teilen Sie diese Meinung, oder sehen Sie den musikalischen Werdegang anders?

Lutz Rahn: Diese Einteilung betrachte ich ganz genauso. Wir hatten spätestens mit Beginn der 1980er das Gefühl, dass es für unsere epischen, langen Stücke immer weniger Platz in der Hörergunst gibt.

In eurer Hochphase wart ihr eine der erfolgreichsten deutschen Bands, auch in Japan habt ihr ordentliche Stückzahlen verkauft - hat euch diese Sympathie überrascht? Ihr habt ja stets ungewöhnliche, nicht unbedingt Massen-kompatible Musik gespielt.

Sie hat uns nicht überrascht, sie war der Lohn für jahrelange teils halsbrecherische Arbeit. Immerhin haben wir zu Beginn unserer Karriere allesamt in "zivilen" Berufen 40 Stunden pro Woche geschuftet, dazu kamen Plattenaufnahmen im Studio und etwa hundert Konzerte pro Jahr. Bei so viel Fleiß kommt der Erfolg nicht über Nacht. Aber er kommt.

Erst 1978 habt ihr eure "zivilen" Jobs aufgegeben, um euch ganz der Musik widmen zu können - hattet ihr Angst, dass eure Sympathie in der Öffentlichkeit nur von kurzer Dauer sein könnte?

Wir hatten keine Angst, wir haben schlicht alles Geld in Instrumente, PA und Lightshow gesteckt. Wir reden hier über eine Zeit, in der man sich nicht alles bei irgendeiner Event-Agentur mieten konnte. Wir haben unser erstes Lichtsteuer-Pult eigens entwickeln lassen. Wir haben in unser Auftreten genau so viel Energie investiert wie in unsere Alben, jeder Zuschauer sollte genau wie jeder Album-Käufer hundert Prozent kriegen, jeden Abend. Wir waren überzeugt, dass man das nur mit eigener Anlage und fester Crew erreicht.

Stimmt ihr der Theorie zu, dass die "Neue Deutsche Welle" Schuld an den immer schlechter werdenden Verkaufszahlen eurer Alben war, dass diese Bewegung euch den Garaus gemacht hat - oder was sind eure Erklärungen für die Auflösung der Band 1985?

Nein - das ist keine Frage von Schuld, sondern von Veränderung. Alles auf Erden ist endlich, auch die NDW! Unsere Band hat lange Zeit tollen Erfolg gehabt. Je größer der Erfolg wurde, desto größer wurde die Schar derer, die als Produzent, Plattenfirma, Verlag, Management, etc. uns mit dem Taschenrechner in der Hand gegenübersaßen und auf Dinge wie die NDW reagiert haben, indem sie sich in unsere Hosen machten. Stichworte wie "singletauglich" oder "radio-kompatibel" tauchten auf. Wir haben es zugelassen.

Hattet ihr nach dem Split der Gruppe noch Kontakt - und: Was tun die einzelnen Mitglieder der Gruppe heute beruflich?

Ja, wir haben noch Kontakt, und das sind immer lustige Begegnungen - so wie Klassentreffen: Je später der Abend, desto mehr schlüpft jeder wieder in seine alte Rolle. Außer mir, der ich mein eigenes Produktionsstudio besitze, sind alle wieder in ehrenwerten Berufen - aber ich hab's ja nicht anders gewollt.

Wie bewerten Sie selbst den musikalischen Stellenwert von Novalis in der Historie der nationalen Rockmusik, ganz persönlich - vor allem jetzt, wo diese wunderbare Sammler-Box "Schmetterlinge" auf den Markt gekommen ist?

Hoch. Ohne Fundament kein Aufbau. Außerdem waren und sind wir der Inbegriff von "romantischer Musik". Und wer sich ein Leben lang im Romantik-Rausch befindet, dessen Werk kann gar nicht sterben.
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