Unesco-Komitee ruft zum Schutz der Welterbestätten auf
Pulverisierte Tempel

Kein anderer Ort in Syrien steht so stark für die Zerstörung im Bürgerkrieg wie die Wüstenstadt Palmyra. IS-Extremisten sprengten mehrere jahrtausendalte Bauten des Welterbes. Experten warnen vor billigen Nachbildungen - und vor Propaganda des Regimes in Damaskus. Bild: dpa
 
Die Kapelle Notre Dame du Haut ist eine der Jungfrau Maria geweihte katholische Wallfahrtskirche in der französischen Gemeinde Ronchamp bei Belfort in Frankreich. Bild: Paul Koslowsky/FLC/ADAGP

Mehr als fünf Jahre Bürgerkrieg haben in Syrien auch zahlreiche historische Bauten zerstört. In der einzigartigen Oasenstadt Palmyra wütete die IS-Terrormiliz. Werden die Trümmer jetzt wieder aufgebaut?

Istanbul. Die Unesco zeigt sich "höchst besorgt" über die Zerstörung der historischen Oasenstadt Palmyra und anderer Welterbestätten in Syrien. Das Unesco-Komitee für das Welterbe rief am Dienstag bei einem Treffen in Istanbul alle Bürgerkriegsparteien dazu auf, solche historischen Stätten zu verschonen. Zugleich warnte es vor "unangemessenen Neukonstruktionen" zerstörter Bauten.

Antike Dörfer


Die insgesamt sechs syrischen Stätten bleiben dem Beschluss zufolge auf der Liste des gefährdeten Kulturerbes. Außer Palmyra zählen dazu die Altstädte von Aleppo, Damaskus und Bosra, die Kreuzfahrerfestung Crac des Chevaliers sowie antike Dörfer in Nordsyrien.

Alle syrischen Welterbestätten haben massiv unter dem mehr als fünfjährigen Bürgerkrieg gelitten. Extremisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sprengten während ihrer fast einjährigen Herrschaft über Palmyra unter anderem den Triumphbogen sowie die Tempel Baal und Baal-Schamin. Auch die berühmte Zitadelle der nordsyrischen Stadt Aleppo ist stark zerstört. Allerdings seien die Verwüstungen in Palmyra nicht so groß wie erwartet, erklärte Ahmed Dib, Leiter eines syrischen Untersuchungsteams, der Deutschen Presse-Agentur. Eine erste Bestandsaufnahme habe ergeben, dass rund 20 Prozent der Welterbestätte zerstört worden seien. Viele wichtige Bauten sind demnach erhalten, darunter das römische Amphitheater und die Säulenstraße.

Bedeutender Komplex


Palmyras einzigartige Überreste stammen aus den ersten Jahrhunderten nach Christus. Sie gehören seit 1980 zum Unesco-Welterbe. Die einstige Handelsmetropole in der syrischen Wüste gilt als einer der bedeutendsten Komplexe antiker Bauten im Nahen Osten.

Nach der Vertreibung des IS hatten Experten der Unesco Palmyra im April besucht. Sie sei während der Reise erleichtert gewesen, dass die Stätte vergleichsweise gut erhalten sei, informierte die Direktorin des Welterbezentrums, Mechthild Rössler. Einige der zerstörten Bauwerke könnten "relativ einfach" wieder aufgebaut werden. Dazu zähle der Triumphbogen, dessen Überreste aus ganzen Stücken beständen. Die beiden Tempel seien hingegen pulverisiert.

Äußerst skeptisch sieht Rössler einen originalgetreuen Nachbau zerstörter Stätten. "Einige meinen, dass man das in 3D machen kann, aber so einfach ist das nicht", betonte sie. "Rekonstruktion ist nicht erlaubt im Rahmen der Welterbekonvention." Allerdings müsse darüber eine Debatte geführt und im Einzelfall entschieden werden, wie mit zerstörten Bauwerken umgegangen werde.

27 Nominierungen


Eine Replik von Palmyras Triumphbogen war im April auf dem Trafalgar Square in London enthüllt worden. Sie war mit Hilfe eines 3D-Druckers konstruiert worden und soll nach einer Ausstellung in New York und in Dubai dauerhaft einen Platz in Palmyra finden.

Die Tagung des Welterbekomitees in Istanbul dauert bis zum 20. Juli. Während des Treffens wird auch über die neuen Stätten des Kultur- und Naturerbes entschieden. Nominiert sind dafür 27 Stätten.

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Weitere Informationen:

http://whc.unesco.org/en/newproperties/

Hintergrund27 Stätten weltweit hoffen auf die begehrte Aufnahme in die Liste des Welterbes. Deutschland ist in diesem Jahr nur mit einer Nominierung dabei: Zwei Häuser der Stuttgarter Weissenhofsiedlung sind Teil eines Antrags aus sieben Ländern, der das Werk des schweizerisch-französischen Architekten und Stadtplaners Le Corbusier (1887-1965) würdigen will. Die Tagung dauert bis zum 20. Juli. 14 Anträge betreffen das Kulturerbe, darunter sind die antike Stätte von Philippi in Griechenland, die Neandertaler-Höhlen von Gibraltar und die Megalithgräber Dólmenes de Antequera in Spanien. (dpa)
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