Urauffürhung von Anton Lubchenko am Theater Regensburg
Doktor Schiwago auf der Opernbühne

Schiwago (Vladimir Baykov) und Lara (Michaela Schneider) bei ihrer ersten Begegnung im Lazarett während des Ersten Weltkriegs. Bild: Jochen Quast

Ein mehr als 700 Seiten umfassender Roman in knapp 200 Minuten verfilmt. Jetzt gibt es Doktor Schiwago auch als Oper. Die Uraufführung von Anton Lubchenko am Theater Regensburg kann insgesamt beeindrucken.

Regensburg.Einen Roman mit über 700 Seiten auf die Bühne zu bringen ist keine geringe Herausforderung. Dass dies im Bereich des Sprechtheaters im Rahmen der Möglichkeiten einigermaßen gelingen kann, zeigte beispielsweise der Autor John von Düffel mit seiner 2005 für das Hamburger Thalia Theater geschaffenen Bühnenfassung von Thomas Manns Roman "Die Buddenbrooks".

Eine noch größere Herausforderung ist es allerdings, einen Roman dieser Größenordnung als Oper auf die Bühne zu bringen. Als Auftragswerk des Theaters Regensburg kam nun in Kooperation mit der Primorsky-Staatsoper Wladiwostok Anton Lubchenkos Opernfassung von Boris Pasternaks 1957 erschienenem Roman "Doktor Schiwago" im Regensburger Theater am Bismarckplatz zur Uraufführung. Lubchenko steckte richtig viel Arbeit in dieses Projekt. So komponierte er nicht nur die Musik, sondern schrieb auch das Libretto und dirigierte die Uraufführung.

Liebesgeschichte am Rande

Herausgekommen ist ein "Musikalisches Drama in neun Szenen", dessen Hauptaugenmerk auf die politisch-historische Entwicklung in Pasternaks Roman-Vorlage gerichtet ist, während die berühmte Liebesgeschichte etwas an den Rand gedrängt wird. In Bezug auf die Musik kann man Lubchenko zumindest keinen Kakophonien-Fetischismus vorwerfen, bleibt er doch mit der Partitur in der Tonalität mit nur wenigen Passagen, die an die Grenze zur Atonalität reichen. Auch der Umstand, dass hier immer wieder große pathetische Klangflächen mit heroischen Blechbläsern ihre Wirkung entfalten, kann dem Stoff durchaus gerecht werden.

Wie Lubchenko Einflüsse vom Barock über die Romantik und den Expressionismus bis hin zur vitalistischen Motorik eines Kurt Weill verarbeitet, kann man hingegen kritisieren, da ein wirklich eigenständiger und persönlicher Kompositionsstil hier nur schwer zu erkennen ist. Dennoch darf man die kompositorische Leistung nicht unterschätzen, denn Lubchenko hat in diesem dreistündigen Werk durchaus ausdrucksvolle Passagen geschaffen, deren emotionales Potenzial die Sänger aussagekräftig nutzen können.

Letzteres taten die Bühnenakteure der Uraufführung dann auch und so sorgten vor allem Vladimir Baykov als Doktor Schiwago, Michaela Schneider als Lara und Vitali Ishutin als Strelnikow und Komarowski durch ihr Durchsetzungsvermögen und ihre Bühnenpräsenz in der in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln gehaltenen Aufführung für starke Eindrücke. Das gilt für die kantabilen Passagen und die Rezitative.

Regisseur Silviu Pucarete schuf zusammen mit dem Bühnenbildner Helmut Stürmer und der Kostümbildnerin Corina Gramosteanu eine Inszenierung, die zwischen Patina und Pathos oszilliert und durchaus einige berührende Momente bietet, was auch nicht zuletzt Verdienst der Videokunst von Meike Ebert ist.

Nicht alles beeindruckend

Das Regensburger Orchester folgte dem Komponisten und Gastdirigenten Anton Lubchenko an diesem Uraufführungsabend geschlossen in dynamische Nuancen und lotete die Spannungsbögen überzeugend aus. Gut einstudiert war auch der Chor unter der Leitung von Alistair Lilley. Insgesamt ist die Produktion ein bemerkenswerter Versuch, Pasternaks Romanschinken auf die Bühne zu bringen, wenngleich nicht jedes Detail gleichermaßen beeindrucken kann. Der Applaus war im voll besetzten Theater anhaltend, aber nicht euphorisch.
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