Verdis „Otello“ als Opernereignis der Salzburg Osterfestspiele
Magische Bilder für sachliche Analyse

Von Michaela Schabel

Salzburg. Eine dramatische Umarmung, ein orchestraler Knall, der Chor, der das Völk verkörpert: so beginnt Verdis "Otello" wie eine Explosion. Umhüllt von einem riesig wehenden Gazevorhang werden tobende Wasserfluten und Stürme erlebbar. Das Regieteam neben Regisseur Vicent Boussard, Vincent Lemaire (Bühne), Guido Levi (Licht), Isabel Robsen (Video) setzt auf atmosphärische Reduktion im Wechsel mit wuchtigen Massenszenen. Ein endlos langer Tisch genügt. Er wird zum Catwalk der Sänger und des Todesengels, unter ihnen das Volk. Eine mitreißende Szenerie in der Optik alter Meister. Grüne und rote Lichtflächen im Hintergrund signalisieren die Emotionalität der Handlung.

Die Poesie der Liebe hält nicht lange. Sie liebt ihn wegen seiner Heldentaten, er sie wegen ihres Mitgefühl. Im bizarren Dreiecksraum, durch Spiegel gedoubelt, wird der Nutzcharakter dieser Liebe deutlich. Trotzdem wird die im Programmheft ausführlich dargestellte Integrationsproblematik Otellos dennoch wieder durch das Eifersuchtsszenario überlagert.

Die festlichen Kerzen mutieren zu Opferkerzen, an denen sich der Todesengel entflammt. Die entstehenden Rauchwolken verdichten sich zu Gewitterwolken. Otello findet den Weg in die Helligkeit nicht. Er mordet Desdemona und sich selbst.

Das Famose an dieser Inszenierung ist die klangliche Präzision und Brillanz mit der der musikalische Leiter Christian Thielemann die Sächsische Staatskapelle, den Sächsischen Staatsopernchor und die Sänger zusammenführt, die punktgenau zu den szenischen Effekten passen. Verdis "Otello" erstrahlt in einer selten gehörten Klangdifferenzierung, die sich nie mit der reinen Motivwiederholung zufrieden gibt. Mit einer faszinierenden Subtilität lässt Christian Thielemann das Orchester toben und hauchen. Die Sänger tauchen ein in den orchestralen Sturm. Instrumentallinien werden zu eigenen Melodielinien, die die Seele zuweilen mehr berühren als die Stimmen. Die Streicher modulieren seelische Erregung. Gerade noch zwischen den fernen Siegesfanfaren der Trompeten und Posaunen im Siegestaumel, künden die Kontrabässe das Unheil an, einer der schönsten musikalischen Momente.

Mit José Cura und Dorothea Röschmann sind die Hauptrollen stimmgewaltig und souverän, wenn auch nicht charismatisch als Traumpaar besetzt. Unverständlich bleiben die "Buhs" für beide beim Premierenapplaus. Insbesondere in der Todesstunde beweist Dorothea Röschmann, dass sie neben orkanhafter Vehemenz bei den Tutti auch die ganz zarten Partien mit sehr viel Feingefühl singen kann, was auch für José Cura gilt.

Carlos Álvarez avancierte zu Recht zum Publikumsliebling. Sein samtener Bariton passt bestens für die verführerische Intrigantenrolle, die fehlende Dämonie musste allerdings das Orchester übernehmen. Sofia Pintzou fand als Todesengel eine dezent expressiv nachhaltige Bewegungssprache. Das Resümee: ein musikalischer und optischer Sinnenrausch.
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