Verlage legen regelmäßig neue Übersetzungen von Weltliteratur-Klassikern vor
Neu nicht automatisch besser

Eine Neuübersetzung von Fjodor Dostojewskis "Das Krokodil" ist nur ein Beispiel von vielen. Bekannte Klassiker werden von Zeit zu Zeit neu übersetzt und sind mittlerweile in vielen Versionen erschienen. Bild: dpa
Shakespeare, Flaubert, Dostojewski. Sie alle sind unsterbliche Klassiker der Weltliteratur. Ihre Worte sind seit Jahrzehnten und Jahrhunderten festgeschrieben. Warum legen Verlage dann in schöner Regelmäßigkeit neue Übersetzungen auf?

Als sie ihren ersten Lieblingsklassiker neu übersetzen wollte, rannte sie nicht gerade offene Türen ein, erinnert sich Elisabeth Edl. Ein Jahr habe sie gebraucht, um den Hanser-Verlag zu überzeugen, dass Stendhals "Rot und Schwarz" neu übersetzt werden müsse und dass sie die Richtige dafür sei. "Nach dem Erfolg von "Rot und Schwarz" war die Sache geritzt", erzählt die vielfach preisgekrönte Übersetzerin. Heute prangt auf vielen Klassiker-Ausgaben in den Buchläden groß das Label: neu übersetzt. Werke von Charles Dickens, Jane Austen, William Shakespeare oder Fjodor Dostojewski gibt es in Dutzendfachen Versionen - und doch fügen Verlage ihnen immer neue hinzu.

Thomas Steinfelds neue Eindeutschung des Jugendbuchs "Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden" von Selma Lagerlöf ist in der Übersetzungs-Kategorie des Preises der Leipziger Buchmesse nominiert. "Jede Übersetzung schreibt ihre Zeit in den Text ein, den sie übersetzt", sagt der Hamburger Übersetzungsforscher Professor Norbert Greiner. Eine Zeit, die von bestimmten Stil-Konventionen, Geschmacksnormen und Erwartungshaltungen geprägt sei. "Deswegen ist eigentlich eine Neuübersetzung zunächst einmal immer gerechtfertigt."

"Perfekt" gibt es nicht

Für eine genaue Entsprechung von Original und Übersetzung seien die Sprachsysteme zu unterschiedlich, sagt der pensionierte Anglistik-Professor der Uni Hamburg. "Erschwerend kommt hinzu, dass eine sehr am Original orientierte Übersetzung nicht immer das ist, was wir uns als Kunstwerk im Deutschen erhoffen", sagt Greiner. "Aber wenn Sie einen Krimi kaufen, möchten Sie nicht sagen: "Oh, wie genau ist der übersetzt!", sondern es soll spannend sein." Eine perfekte Übersetzung könne es gar nicht geben. Dem pflichtet auch Hans-Jürgen Balmes bei, der als Programmleiter Internationale Literatur bei den Fischer-Verlagen arbeitet. Übersetzungen veralteten deshalb, weil sie der angehaltene Zustand eines Werksverständnisses seien. "Währenddessen geht bei den Originalwerken das Verstehen immer weiter." Dennoch müsse eine neue Übersetzung nicht per se eine bessere Übersetzung sein, glaubt Balmes. In der Fischer-Klassik-Reihe etwa stünden neue Klassiker-Fassungen neben etablierten Übersetzungen aus dem 18. Jahrhundert.

Das ist mit Blick auf den deutschen Buchmarkt mit jährlich Zehntausenden Neuerscheinungen auch eine finanzielle Frage. "Wirtschaftlich lohnt es sich vor allem bei ikonischen Werken", sagt Balmes und nennt als Beispiel Dostojewskis "Verbrechen und Strafe" (in älteren Übersetzungen "Schuld und Sühne"). "Wir gehen nicht davon aus, dass jede Neuübersetzung sofort funktioniert und alles wieder rein spielt."

Gerade der Erfolg einzelner Neuübersetzungen habe den Trend aber angeheizt, glaubt die Übersetzerin Edl. Inzwischen werde von Verlagen viel gemacht, doch nicht immer auf gleich hohem Niveau. "Ich habe nur Bücher übersetzt, die ich selbst vorgeschlagen habe", sagt sie. Für eine Übersetzung nehme sie sich drei bis vier Jahre Zeit. "Weniger erscheint mir unseriös."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.leipziger-buchmesse.de/
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