Völlig losgelöst von der Erde

Künstler von oben, Raum von unten: Michael H. Rohde schwebt zwischen den Perspektiven. Der Berliner stellt derzeit im "Kunstverein Graz" in Regensburg aus. Bild: Wolke

Rohde geht es um den Wechsel der Perspektive. Das ist sowohl wörtlich gemeint als auch im übertragenen Sinne. Die Räume des Berliner Künstlers wirken eindeutig verkehrt herum.

Regensburg. Wo genau die ganze Sache nicht stimmt, erkennt das pure Auge des Betrachters nicht sofort. Erst der Verstand kann sich das Puzzle zusammenfügen. Stühle, Regale, Waschbecken, Menschen, Haustiere: All das schwebt bei Michael H. Rohde in der Luft. Seine aufwendig installierten Aufnahmen nennt der Künstler schlicht und einfach "Bilder". Von der klassischen Fotografie sind die großformatigen Abzüge in der Tat weit entfernt. Eine Auswahl schwereloser Darstellungen zeigt Michael H. Rohde derzeit im "Kunstverein Graz" in Regensburg. "Pathologie des Raumes" heißt dort die aktuelle Ausstellung. Sie vereint Rohdes Arbeiten mit solchen des in Mitterfels lebenden Künstlers Alexander Stern. Auch der lässt die Möbel schweben: Im Innenhof des Kunstvereins thronen Stühle auf hohen Stelen.

Drei Monate obdachlos

Die Welt ist verrückt. Genau das muss der Eindruck Rohdes gewesen sein, als er plötzlich auf der Straße saß. Bei der Wohnungssuche in Berlin hatten sich die Vorstellungen des damaligen Hartz-IV-Empfängers nicht mit denen der Behörden gedeckt. Die Folge: drei Monate lang Obdachlosigkeit. Und die Idee zu einem erfolgreichen Projekt.

Denn damals entwickelte der Künstler sein Interesse für Räume - und zwar von oben gesehen. Es sei eine Art Kontrolle und Macht gewesen, beschreibt Rohde das Gefühl des Außenstehenden, der sich selbst zum Überblick verhalf. Der Hang zum veränderten Blickwinkel auf Räume blieb, auch als Rohde sich eine eigene Wohnung erkämpft hatte. Aber die Perspektive wechselte nochmals. Selbst sozusagen geerdet, ging er seine Raumforschung nun von unten an.

Lange Inszenierung

"From below" heißt seine Serie. Ein optisches Verwirrspiel, bei dem sich die Perspektiven zu verschieben scheinen. Wie genau die Bilder entstehen, will der Künstler nicht preisgeben. Es fallen Stichworte wie Glasscheiben als Untergrund, aufgehängte Möbel und Bildbearbeitung am Computer. Sicher ist jedenfalls: Die Inszenierung dauert lange. Vier bis acht Wochen braucht der Künstler für eine Wohnung. Mit seiner eigenen hat er angefangen, dann folgten Wohnzimmer, Küchen und Bäder von Freunden und Nachbarn.

"Mir ging es immer schon darum, Dinge wahrzunehmen, die man nicht sehen kann", äußert sich Rohde zu seiner Arbeit. Dazu reicht manchmal einfach ein Wechsel des Blickwinkels.

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Die Ausstellung "Pathologie des Raumes" ist bis zum 20. Juni im "Kunstverein Graz", Schäffnerstraße 21, in Regensburg zu sehen. Öffnungszeiten sind Freitag und Samstag von 16 bis 19 Uhr. Weitere Infos gibt es unter www.kunstvereingraz.de.
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