"Vom Hussenkrieg" bleibt zeitlos aktuell

Das Schauspiel vom "Hussenkrieg" beeindruckt Jahr für Jahr von neuem. Als Antikriegsstück hat es leider nichts von seiner Brisanz verloren. Bild: Götz

Aufführungsjahr hat das Burgfestspiel "Vom Hussenkrieg" in Neunburg vorm Wald nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Auch heuer setzt Regisseur Nikol Putz das fort, was er mit Übernahme der Regie im Jahre 1997 begann.

Neunburg v. Wald. Mit neuen Figuren und Szenen vertieft Putz auch diesmal die Wirkung der beeindruckenden Darbietung als Antikriegsstück. Und es hat den Anschein, als weise gerade die periodische Wiederholung des Stückes auf die ungebrochene Aktualität des Konflikts hin.

Die Frage, auf welcher Seite denn nun Gott in den Kampf einzugreifen habe, ist von Anfang an ein wesentliches Element dieser historischen Aufführung gewesen. Sie ist auch nicht beantwortet worden, als Putz vor einigen Jahren die Szene ausgebaut hat, in der einem hussitischen Ehepaar die Hinterlassenschaften des gefallenen Sohnes überreicht werden.

Konflikt bleibt ungelöst

Welches "Vater unser" einen höheren Wert habe, das der todtraurigen tschechischen Eltern (Jana Drabkova und Tibor Alesik) oder die Gebete des Pfalzgrafen-Paares (Peter Pauly und Beate Seifert), das in der Kapelle des Schlosses darum betet, dass Gott die Feinde besiegen möge? Putz löst in der sehr dichten Szene, in der eine Schwester des Pfalzgrafen und eine Tochter der Pfalzgräfin das Wort ergreifen, nicht den Konflikt.

Am Ende bleibt wieder einmal die traurige Feststellung des Pfalzgrafen, dass das Zweitschlimmste nach einer verlorenen eine gewonnene Schlacht sei. Und es ist in der Tat erschütternd zu sehen, wie nach dem Töten, nach den Explosionen, den Schreien der Sterbenden, Kinder als erste den Schauplatz betreten und Blumen auf die toten Körper legen.

Der eigentliche Konflikt, der Streit um den rechten Glauben nämlich, personifiziert sich in den beiden Geistlichen, die in der Schlacht schwer verwundet werden. Der tolerante Pfarrer Mockel (Richard Kozlowski) und sein Gegenspieler, der hasserfüllte Kaplan Schmalzhaffen, tragen bis zuletzt den Streit darüber aus, ob nicht doch in der Lehre des von Papst und Kaiser in Konstanz verbrannten Jan Hus die Wahrheit über den Zustand der Kirche stecke, wie viel Freiheit Glaube zu beanspruchen hat.

Tiefer Konflikt

Dass die Auseinandersetzung unmittelbar in das Wiedersehen von Vater und Sohn Zenger eingreift, ist einer der tragischen Höhepunkte des Stückes. Angestachelt durch den fanatischen Kaplan, wird der alte Zenger seinen Sohn, der vor Jahren zu den Hussiten übergelaufen ist, töten. Der Krieg geht eben wie meist in solchen Konflikten hinein bis in die Familien.

Trotzdem bleibt das Festspiel vom Hussenkrieg vor allem ein historisches Stück. Denn es wird in Neunburg Wert darauf gelegt, dass die Geschichte stimmt, nicht einem Effekt geopfert wird. Der Umstand, dass am Original-Schauplatz gespielt wird, erleichtert dem Regisseur die Arbeit sehr. Es bleibt authentisch, der Ablauf der Ereignisse ebenso wie die Atmosphäre des harten Alltags, in den die Menschen immer wieder hineingeraten. Und dann zerreißt ein brutaler Überfall das stimmungsvolle Miteinander der Bewohner. Sprachlos bleiben die Zuschauer, als die junge Liebe eines Paares durch einen Mörder zerstört wird.

Erschütternd ist, als diese Tat vom Anführer der Hussiten mit der Todesstrafe geahndet wird. Bisher hatte man den Zuschauern die Hinrichtung nicht erspart. Die jüngsten Ereignisse in der Auseinandersetzung mit dem sogenannten islamischen Staat haben die Festspielleitung nun veranlasst, auf eine Darstellung der Hinrichtung zu verzichten. Stattdessen distanzieren sich Festspielleitung und Darsteller von politischen Morden.

Alltagsgeschäft bleibt

Selbst in diesen harten Zeiten versuchen die Menschen, die vor 600 Jahren Neunburg und seine Umgebung bewohnten, nüchtern und realistisch mit ihrem Alltag zurecht zu kommen. Da geht es bei einer Stadtratssitzung zum Beispiel darum, dass die Händler mit ihren Waren nicht nach auswärts gehen. Sieht aus wie Geplänkel angesichts der wirklichen Probleme, aber ganz unten entscheidet sich das Leben der Bewohner. Es wird geliebt und gestritten, es wird verspottet, ernsthaft diskutiert. Am Ende wird man wieder dort weitermachen, wo man herkommt: Bei den Alltäglichkeiten.

Dies alles passiert in einem durchaus opulenten Rahmen mit etwa 140 Darstellern. Die Leute sprechen Oberpfälzisch, die Kleidung und die Gerätschaften sind authentisch schlicht, die Szene ist sparsam. Die Darstellung der Schlacht, die auf offener Bühne ausgetragen wird mit explodierendem Feuerwerk und galoppierenden Pferden, ist allerdings ein szenisches Meisterwerk. Es endet - still und nachdenklich - dort, wo als begonnen hat: Mit Ott Ostmanns "Vom Hussenkrieg ein Gesang", den das Ensemble zum Schluss anstimmt.
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