Vorkriegsflugzeuge
Ein Flug mit der JU 52

Erstflug dieses Flugzeuges war vor 80 Jahren: Mehrfach umgebaut, fliegt es heute noch. Bilder: Pauly (3)
 
Durch die alte Scheibe betrachtet, sieht das Kurhaus von Wiesbaden verschwommen aus.
 
Blick ins Cockpit der Ju 52: Nur wenige Instrumente sind neu.

Ein Halbdutzend Vorkriegsmaschinen JU 52 fliegen noch in Europa – gesteuert von Jet-Piloten. Ein Flug mit diesem Oldtimer ist ein besonderes Erlebnis.

Mein ehemaliger Klassenkamerad und ich philosophieren auf seinem Balkon, als wir am Himmel ein ungewöhnliches Motorbrummen hören. "Da, eine Ju 52", sagt mein Freund, "die ist in Finthen aufgestiegen, kennst du die?" "Und ob! Sie hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet."

Ende des Jahres 1944 bereitete meine Mutter Maria Pauly die Flucht aus Ostpreußen vor, sie schickte Sachen, die sie für die Zeit danach als wichtig befand, in den Westen. Ein Mensch, dem das auffiel, denunzierte sie. Meine Mutter wurde vernommen. Wie sie den Kopf aus der Schlinge zog, weiß ich nicht. Vielleicht hatte man einen Rest an Erbarmen mit der jungen Kriegerwitwe mit zwei kleinen Kindern. Was ihr blieb, war die Angst, bei Fluchtversuchen geschnappt zu werden. So verpasste sie eine günstige Gelegenheit zur Flucht, ihre Mutter in Königsberg war nicht mehr zu erreichen.

Die Schwiegermutter, die noch Fluchterfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg hatte, und die Schwägerinnen befanden sich schon auf dem Treck. Da half einer der bei uns Einquartierten. Dieser Pilot beschaffte ihr Konstruktionspapiere, die der Sowjetarmee nicht in die Händen fallen sollten, und die im "Reich" abgeliefert werden mussten. Das war die Flugberechtigung. Als wir zum Flugplatz abgeholt wurden, war es stockfinster und eiskalt. Meine Schwester durfte nur ihre Puppe, ich nur meinen Bären mitnehmen, Fotoalben, Besteck und Wäsche waren wichtiger. Bevor ich auf der Seitenbank der Ju 52 vor Erschöpfung einschlief, sah ich noch verwundete Soldaten.


Gefährlicher Flug


Der Flug startete und landete auf unbeleuchteten Pisten, er ging – bei Luftüberlegenheit der Russen – auf Baumwipfelhöhe von Heiligenbeil nach Stolp. Trotz dieser Gefahren hatten wir ungeheures Glück im Vergleich zu dem Leiden der Flüchtlinge unter uns. Manchmal, wenn ich im Kirchenlied die Worte "hat nicht der gnädige Gott / über dir Flügel gebreitet" höre, denke ich, über mir schon, aber was war mit denen da unten, die im Haff unter dem Eis ertranken? Mit den Vergewaltigten, Traumatisierten, zum Krüppel geschossenen? Mit den Waisen? Mit denen, deren Familien seit Jahrhunderten dort unten gelebt hatten, und die nun ihre Höfe verloren?

Ein paar Monate nach diesem Gespräch schenkten mir mein Freund und seine Frau ein Flugticket mit der Ju 52. Mein Freund und ich fahren nach Mainz-Finthen. Da steht sie nun die "Tante Ju". "Ju" bedeutet Firma Junkers und Co., "52" ist die firmeninterne Nummerierung. Hugo Junkers (1860 bis 1936) war eigentlich Wärmetechniker, gründete aber aus Begeisterung für den Flugzeugbau eine Firma in Dessau. Simulatoren und Computer kannte man noch nicht, so wurden Flugzeuge im Windkanal und im System "Versuch und Irrtum" konstruiert. Man muss sich das wie einen Entwicklungsstammbaum vorstellen mit starken "erfolgreichen" Armen, aber auch mit dünnen oder mit toten Ästen.

Die Firma Junkers machte von sich reden durch viele Preise, Siege bei Flugwettbewerben und mit der ersten geschlossenen Passagiermaschine und dem ersten "Nurflügler". Sie beteiligte sich am Programm "Verkürzen der Flugzeit nach Südamerika": Dabei wurden Flugzeuge vor Westafrika von einem Schiff aus in die Luft katapultiert. Als Fehlplanung mit hohen Verlusten erwies sich die Zusammenarbeit mit der Sowjetarmee, dazu kam die Weltwirtschaftskrise.

Am Ende stand – um Arbeitsplätze zu retten – die Übernahme der Aktienmehrheit durch das Deutsche Reich und die Auflösung der Tochterfirma Junkers-Luftverkehrs AG, diese Gesellschaft war gegründet worden, um Abnehmer für die Flugzeuge zu haben. Junkers selbst hatte keinen Einfluss mehr auf das Werk, dem er seinen Namen gegeben hatte. Später verboten ihm die Nationalsozialisten sogar, die Werkshallen zu betreten.

Auf Basis von Marktuntersuchungen wurde 1929 mit der Konstruktion eines Frachtflugzeugs begonnen, als Ergebnis rollte im September 1930 die erste Ju 52 auf das Hallenvorfeld von Dessau. Und das mit all ihren Eigenarten: Die Spannweite für eine Maschine mit zunächst einem Motor war mit 29 Metern zu groß (die Flügel waren aber so ausgelegt, dass zwei weitere Motoren angebaut werden konnten); Lenkräder aus Holz, Wellblechkonstruktion, Steuern mit Hilfe von Seilzügen. Das kleine Heckrad macht das Aufsetzen bei der Landung zuerst mit den Vorderrädern notwendig, dem Umstand geschuldet, dass die Maschine mit zwei Schwimmern anstelle des Fahrgestells auch als Wasserflugzeug eingesetzt werden sollte. Sie war so konstruiert, dass sie später vielfältig verwendet werden konnte. Die kleinen Doppelflügel ermöglichen Start und Landung auf kurzen Strecken.

Die "Berlin-Tempelhof"


So hatte auch die Maschine mit der Kennung D-AQUI, die uns fliegen soll, die Ju 52 namens "Berlin-Tempelhof", ein bewegtes Schicksal: 1936 als Wasserflugzeug fertiggestellt kam sie nach zwei Monaten zur norwegischen Fluggesellschaft DNL, 1940 ging sie zurück nach Deutschland, um nach Kriegsende wieder für die DNL zu fliegen. Nach Südamerika verkauft, wurden in Ecuador die Schwimmer des Flugzeugs durch ein Fahrwerk ersetzt, so transportierte es im Amazonasgebiet Frachten, Vieh und Menschen. Ende der Sechziger Jahre wurde die Maschine an einen US-Amerikaner verkauft, der sie später weiter veräußerte. Für die neue Besitzerfamilie flog sie als "deutsche Militärmaschine", als "Iron Annie", bei Flugschauen.

Die Deutschen kauften sie zurück, in anderthalbjähriger Arbeit wurde sie in der Hamburger Lufthansa-Werft auseinander genommen, instand gesetzt und auf Herz und Nieren geprüft. Drei amerikanische Motoren "Pratt & Whitney PW 1340 Wasp" treiben sie an. Andere Maschinen des Typs fliegen noch mit den alten BMW-Sternmotoren.

Die Deutsche-Lufthansa-Berlin-Stiftung hat als Halter das Ziel, dieses Stück Flugzeuggeschichte zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Von den ursprünglich fast 5000 Maschinen fliegen noch ein Halbdutzend, meist gesteuert von Piloten moderner Jets. Von wechselnden Flugplätzen aus werden in Deutschland Informationen und Rundflüge angeboten. Auf Usedom werden die Piloten (auch eine Pilotin) aus- und weitergebildet. Weit mehr Piloten, als für das Projekt benötigt werden, melden sich aus Begeisterung für das Fliegen auf der Vorkriegsmaschine.

Einzigartiges Erlebnis


Unser Flug hält noch eine Überraschung parat. Vor dem Einchecken war uns eine Amerikanerin aufgefallen, sie gab Autogramme, und sie trug eine auffallende Jacke mit der Aufschrift "Iron Annie". Zunächst interessierte uns aber die Ju mehr als die Dame. Nun sitzt sie im Flugzeug vor uns, wir können sie fragen. Ihr Name: Dee Dee Caidin. Ihre Familie besaß als letzte die Maschine, bevor sie wieder an die Deutschen verkauft wurde. Ihr Mann war Pilot, sie Flugbegleiterin gewesen. Auf ihrer jetzigen Deutschland-Reise machte man auch in Mainz Station. Plötzlich hörte sie das typische Motorenbrummen der Ju, sie blickte nach oben und rief gerührt und tief aufgewühlt: "Oh, my Baby, my Baby!" Groß war dann noch die Überraschung, als sie ein Flugticket für ihr "Baby" geschenkt bekam.

Der Pilot, Flugkapitän Claus Cordes, der Copilot und der Ingenieur steuern das Flugzeug. Wir fühlen uns sicher. Die Flughöhe beträgt einige Hundert Meter, man fällt in keine Luftlöcher. Die Maschine mit drei unabhängigen Motoren könnte auf einem Acker landen. Trotz des lauten sonoren Brummens der Motoren kann man sich unterhalten.

Klare Sicht, die Landschaft aus ungewohnter Perspektive. Unter uns die Nahe, links der Mäuseturm im Rhein, das Niederwalddenkmal. Abwechselnd dürfen die Passagiere ins Cockpit, ich stehe vorne, als wir über Wiesbaden fliegen; unten leuchten die Goldkuppeln der russisch-orthodoxen Kirche, das Kurhaus und die ziegelrote Marktkirche sind zu erkennen. Dann folgen die Skyline von Frankfurt, der Main und schließlich Mainz mit dem Dom.
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