Wanderer zwischen den Welten

Navid Kermani bewegt sich wie wohl kein anderer deutscher Autor zwischen dem westlichen und nahöstlichen Kulturkreis. Der Sohn iranischer Eltern ist Wissenschaftler und Literat zugleich - und hat auch schon über Neil Young geschrieben.

"Vertraue auf Gott, aber binde dein Kamel an", heißt ein Zitat des Propheten Mohammed. Das mag Navid Kermani besonders. Es geht dabei nicht nur um Gottvertrauen, sondern um Wachheit. Diese ist auch im Werk des in Köln lebenden Schriftstellers zu finden. Als promovierter Orientalist, Publizist und vor allem als Romancier widmet er sich auf vielfältige Weise dem Verhältnis zwischen Orient und Okzident. Das Verbindende steht dabei immer im Vordergrund.

Wichtige Stimme

Nun wird Kermani mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2015 geehrt. Er sei eine der wichtigsten Stimmen in der heutigen Gesellschaft, hieß es in der Begründung des Stiftungsrates am Donnerstag in Frankfurt.

Der 47-jährige Kermani, der aus einer iranischen Arztfamilie stammt und Muslim ist, gehört nicht nur zu den produktivsten und vielseitigsten Autoren des Landes. Als Wanderer zwischen den Welten bringt er zwei Perspektiven mit - aus dem westlichen und nahöstlichen Kulturkreis. So hat er etwa nach den New Yorker Anschlägen im September 2001 über islamische und moderne Gedanken der Selbstopferung geschrieben. Auch literarisch schöpft Kermani, der das Ungeordnete und Bunte liebt, aus beiden Welten. Einer seiner Lieblingsschriftsteller ist der deutsche Dichter Jean Paul (1763-1825), dessen Fabulierlust schon Goethe mit "Tausendundeiner Nacht" verglich. Ein Epos fast vergleichbaren Umfangs hat Kermani mit seinem 1200-Seiten-Werk "Dein Name" (2011) geliefert. Es ist eine Mischung aus Tagebuch, Erzählung und Gesellschaftsanalyse.

Neil Young gehuldigt

"Es geht in der Literatur darum, dem Chaos, der Zufälligkeit in der wir leben, einen Sinn zu verleihen", sagt Kermani. Er gibt sich dabei sehr kreativ: Neben einem Kinderbuch hat er auch dem Rockstar Neil Young in einem Buch gehuldigt. Im letzten Roman "Große Liebe" (2014) verknüpft er die Liebesabenteuer eines Halbwüchsigen in der deutschen Provinz originell mit der arabisch-persischen Mystik.

In jüngster Zeit hat der Autor, der 1989 Syrien erstmals mit dem Rucksack bereiste und von der Gastfreundlichkeit der Menschen begeistert war, Reportagen aus den Katastrophengebieten im Mittleren Osten veröffentlicht. "Das zerreißt einem das Herz", sagt Kermani zu den Zerstörungen.

Die Hoffnung auf Toleranz und Demokratie in der Region gibt er aber nicht auf. Europa habe dazu schließlich auch Jahrhunderte einschließlich mehrerer Kriege gebraucht, sagt er. Den Westen sieht er mit einer großzügigen Aufnahme der Flüchtlinge in der Pflicht. Das hat Kermani auch in seiner Festrede im vergangenen Jahr im Bundestag zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes deutlich gemacht.

Großer Köln-Fan

Lösungen zur aktuellen Flüchtlingskrise habe er nicht, räumt der Autor ein. "Unsere Aufgabe ist es, dass wir dazu beitragen, dass die Beunruhigung anhält." Kermanis Eltern kamen 1959 aus dem Iran nach Deutschland. Der Vater, ein Arzt, sprach kein Deutsch und musste die Familie mit Nachtdiensten über Wasser halten.

Kermani selbst kam 1967 in Siegen zur Welt. Seit langem lebt er in Köln. Dort schätzt er die Weltoffenheit - und ist großer Fan des 1. FC Köln, wie er sagt. Kermani, der in den letzten Jahren mit Preisen geradezu überhäuft wurde, ist verheiratet und hat zwei Töchter.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.navidkermani.de
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