Weimar und die Klassik sind untrennbar, nur wenige Kilometer entfernt errichteten Nazis ein KZ
Zwischen Poesie und Gräueltaten

Geistig waren Goethe und Schiller sicherlich auf Augenhöhe. Deshalb verzichteten die Gestalter des Denkmals auch darauf, den Größenunterschied der beiden (Schiller überragte Goethe locker um einen Kopf) plastisch darzustellen. Bilder: doz (9)

Von wegen Weimarer Republik. Im thüringischen Städtchen herrscht Monarchie. Regiert wird es von zwei geistigen Giganten: Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Weimar steht aber nicht nur für Aufklärung, Dichter und Denker, sondern auch für eines der finstersten Kapitel Deutschlands.

Der Ettersberg ist ein Ort, der all die Widersprüchlichkeit der deutschen Geschichte vereint. Es ist der Ort, an dem Goethe gerne Spaziergänge unternahm. Den Ettersberg erwähnte der Dichtergroßfürst mehrmals in seinen Werken. Es ist aber auch der Ort, an dem die Nationalsozialisten vor Jahrzehnten das Konzentrationslager Buchenwald errichteten und Menschen töteten. Im Lager steht eine alte Eiche, die Häftlinge wegen der Goethe-Spaziergänge in diesem Areal "Goethe-Eiche" nannten. Bomben beschädigten im August 1944 den Baum, der anschließend gefällt wurde. Heute ist nur noch ein Stumpf erhalten. Das Konzentrationslager sollte ursprünglich KZ Ettersberg heißen, was jedoch wegen des Goehte-Bezugs nicht durchgesetzt wurde.


Eine alte Eiche, in den Karten als "Dicke Eiche" bezeichnet, hatte die SS im Lager stehen lassen. Häftlinge nannten sie in Erinnerung an die häufigen Besuche Goethes auf dem Ettersberg "Goethe-Eiche". Bild: Naomi Tereza Salmon, Sammlung Gedenkstätte Buchenwald

Dort wo also Goethe durch die Natur flanierte, geschahen unglaubliche Grausamkeiten. Von ihnen erfahren Besucher bei einer Führung durch die Gedenkstätte. Häftlinge kamen bis 1943 zuerst am Bahnhof in Weimar an. Nazis trieben sie durch die Stadt. Die Männer, Frauen und Kinder wurden bespuckt und beleidigt. Im Konzentrationslager hetzten die Soldaten Bluthunde auf sie oder erschossen sie ohne Grund.


Das Gelände des ehemaligen Häftlingslagers: Im Vordergrund ist die Spitze eines Wachtturms und das Gebäude der sogenannten Häftlingskantine zu sehen, rechts oben das Torgebäude und Krematorium, in der Mitte oben das sogenannte Kammergebäude für die Habe der Häftlinge. Bild: Claus Bach, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Zwei geistige Größen


Ein Trakt, der heute noch in der Gedenkstätte steht, zeugt von der perfiden Vorgehensweise der Nationalsozialisten. Häftlinge warteten in einem Raum mit lauter Musik auf eine Untersuchung bei einem Arzt, wie ihnen erzählt wurde. Sie mussten durch einen Gang in Richtung eines Raumes gehen, in dem ein Mann im weißen Kittel sie empfing. Der vermeintliche Arzt sagte, dass die Häftlinge nun gemessen werden. An der Messlatte waren allerdings Löcher angebracht, durch die ein SS-Offizier, der im Raum dahinter stand, die Häftlinge erschoss. Den Ort umgibt auch heute noch eine unheimliche Aura.

Nur rund zehn Kilometer weiter ist das Empfinden ganz anders. Direkt in Weimar wurde auch Geschichte geschrieben. Aber zu einer anderen Zeit, etliche Jahrzehnte früher. Es war die Zeit, in der Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller in der thüringischen Stadt wohnten. Die bekanntesten deutschen Schriftsteller aller Zeiten. Zwei geistige Größen auf Augenhöhe - im übertragenen Sinne und sprichwörtlich. Vor dem Deutschen Nationaltheater sind die Bronzestatuen-Dichter gleichgroß dargestellt. Dabei war Schiller mit 1,90 Meter ein ganzes Stück größer als Goethe, der 1,69 Meter maß.


Egal ob Besucher auf die Front des Goethe-Hauses blicken oder im Garten des Dichterfürsten sitzen. Das Gebäude ist beeindruckend. Hinzu kommt für die Touristen ein erhabenes Gefühl, wenn sie durch den ehemaligen Wohnsitz des Universalgelehrten schreiten.

Crème de la Crème


Heute sind die beiden allgegenwärtig. Weimar vermarktet seine Künstler. Es gibt das Goethekaufhaus und das Schillerkaufhaus. Cafés und Restaurants werben mit den Dichtern. Speisen und Getränke sind nach ihnen benannt. Viele Jugendliche sind in der Stadt, weil Weimar ein beliebtes Ausflugsziel für Schulen ist. Auf dem Sockel des Denkmals vor dem Deutschen Nationaltheater sitzen meist Mädchen und Jungs und erholen sich vom Kulturprogramm.

Weimar ist aber noch mehr als Schiller und Goethe. Die beiden sind zwar die prominentesten Söhne der Stadt. Nach Weimar kam aber einst die Crème de la Crème der Kultur und Kunst: die Komponisten Johann Sebastian Bach und Franz Liszt, die Schriftsteller Christoph Martin Weiland und Johann Gottfried Herder (gemeinsam mit Goethe und Schiller bilden sie das sogenannte Viergestirn von Weimar), Märchen-Autor Hans Christian Andersen, Theologe Martin Luther. Mit diesem Erbe avancierte Weimar 1999 zur Kulturhauptstadt Europas.


Am Theaterplatz in Weimar ist vor allem bei schönem Wetter immer etwas geboten. Junge Musiker spielen auf ihren Instrumenten, Touristen flanieren Richtung Deutsches Nationaltheater und Schüler machen es sich auf dem Sockel des Goethe-Schiller-Denkmals gemütlich.

Die Stadt ist in jedem Fall einen Besuch Wert. Auch, weil sich die Fahrt nach Erfurt lohnt, das eine halbe Autostunde entfernt liegt. Aber vor allem, weil Weimar eine der glorreichsten Zeiten der deutschen Geschichte prägte, sich Besucher allerdings zugleich mit den scheußlichsten Gräueltaten aus der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen können. Große Schaffenskraft und zerstörerische Gewalten liegen hier dicht beieinander.
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