"Wer will schon für eine Zeichnung sterben?"

Auch die Titelseiten der britischen Zeitungen sind voll mit den Schlagzeilen zum Terroranschlag, der am Mittwoch zwölf Menschen das Leben kostete. In der Zentrale des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo" in Paris töteten Terroristen zehn Journalisten und zwei Polizisten. Bild: dpa

Die Ereignisse von Paris, das Attentat auf Karikaturisten der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo", der Mord an zwölf Menschen, sorgt auch bei Künstlern in der Oberpfalz für große Betroffenheit.

Amberg.Künstler und Schriftsteller versuchen das, was an diesem 7. Januar 2015 passiert ist, zu analysieren und einzuordnen. Die Aussagen stellen ein deutliches Bekenntnis zu den Grundbedingungen unserer Demokratie, zu Meinungsfreiheit, Satire und Ironie dar.

Der Amberger SchriftstellerEckhard Henscheid, langjähriges Mitglied der Satirezeitschriften "Pardon" und "Titanic" äußert sich zu dem Vorfall:

"Natürlich musste ich sofort an meine Kollegen von ,Titanic' denken! Selbst wenn die seltener Islamwitze machen, ungefährlich ist das alles nicht! Wenn dort aus der Redaktion nämlich jemand Familienvater und zudem etwas ängstlich geartet ist, dann wird er diese Ereignisse nicht auf die leichte Schulter nehmen! Ich selbst allerdings hätte nur Angst, wenn ich für eine siebenköpfige Kinderschar Verantwortung zu tragen hätte. Bisher hatte man es bei der ,Titanic' eher mit harmlosen Wirren zu tun, die vornehmlich dem erweiterten Freundeskreis entstammten und plötzlich in der Redaktion auftauchten. Ich selber bin vor Jahren mal in Aachen von einem Mann attackiert worden - aber nur verbal, und der hatte auch noch einiges durcheinandergebracht.

Nach seiner Meinung war ich ein Böser, weil ich, was die Verwendung des Begriffs ,Neger' anbelangte, damals noch etwas unsicher war. Es kam aber zu keinen Bestrafungen meiner Person, geschweige denn zu Pistolenschüssen. Auch bei zwei Lesungen, die eine in Nürnberg, die andere in Hannover, blieb ich verschont: Die mussten allerdings unter Polizeischutz stattfinden, weil sich ein paar rechthaberische Linke um mich sorgten. Ich hatte mich im Streit zwischen Frank Schirrmacher und Martin Walser in deren Augen falsch positioniert. Um für heute jegliches Risiko auszuschließen, werde ich Amberg verlassen und mich für den Abend nach Ernhüll zurückziehen, um dort Karten zu spielen. Um Helmut Schmidt zu zitieren: ,Sicher kann keiner sein!'"

Jürgen Huber,Bürgermeister von Regensburg und Bildender Künstler, zeigt sich erschüttert:

"Ich muss zugeben, dass ich das immer bewundert habe, wie mutig die Redaktion von ,Charlie Hebdo' war. Jetzt sieht man, was diese Leute für einen wahnwitzig hohen Preis dafür zahlen mussten. Ich empfinde tiefste Abscheu vor dieser Tat und frage mich: Wie krank müssen Leute sein, die nicht zulassen können, dass andere kritisch mit dem umgehen, was ihnen vorgeblich so wichtig ist? Und ich sage ganz bewusst ,vorgeblich', weil denen das nicht wirklich wichtig ist. Warum wird eine solche Institution wie ,Charlie Hebdo' angegriffen? Weil jemand verhindern möchte, dass sich die Menschen eine eigene Meinung bilden. Solche Attentäter haben ein ganz schreckliches Menschenbild: Sie wollen nämlich nur herrschen über Menschen. Sie wollen nur einen Ansatz zulassen, nur das, von dem sie selbst glauben, dass es richtig ist. Das hat übrigens auch nichts mit Religion zu tun - das kommt nur unter diesem Deckmäntelchen daher.

Das sind extrem egoistisch denkende, sich selbst vollkommen überschätzende Menschen. Es handelt sich also vor allem um ein psychologisches und keineswegs um ein religiöses oder politisches Problem! Was ich auch traurig finde, ist die Tatsache, dass solche Verbrechen jegliche Lust und Bereitschaft auslöschen, sich über Radikalität zu unterhalten - weil das ja vermeintlich radikal ist, was die da machen. In Wirklichkeit aber handelt es sich keineswegs um eine in die Tiefe schürfende, an die Wurzeln gehende Aktion. Sondern im Grunde ist alles mit ein paar oberflächlichen Sätzen abgetan, so dass am Ende nur die Gewalttätigkeit und das Affektgeladene bleibt.

Auch Benno Hurt, Schriftsteller und ehemaliger Richter, aus Regensburg, äußert sich zu dem Attentat auf die Mitarbeiter der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo":

"Hollande hat es ausnahmsweise richtig gemacht. Nicht auseinanderdividieren lassen. Diesem schrecklichen Geschehen nicht die Kraft der gesellschaftlichen Spaltung gewähren. Muslime, natürlich auch jene, die in Deutschland, in unseren Städten, in unserer Nachbarschaft leben, nicht mit dem Generalverdacht, sie seien potenzielle Attentäter, überziehen. Ich habe die Erfahrung gemacht und auch an anderen beobachtet, dass die gelebte Nähe zu Ausländern zum Abbau solcher Ängste führt.

Was ,Pegida' angeht: Zwar gibt die Tatsache, dass 18 000 Menschen an einem einzigen Montag in Dresden demonstrieren, denen nicht recht. Sie aber mit den Mitteln des Spotts, der Lächerlichmachung auszugrenzen, halte ich für den falschen Weg. Den diffusen Ängsten mit Aufklärung begegnen, aber nicht von oben herab. Es bedarf keiner neuen Gesetze. Es gilt, was ganz allgemein gilt: Der Rechtsstaat will die Verfolgung von Straftätern nicht um jeden Preis. Nicht um den Preis seiner Selbstaufgabe. Dem Unrecht ist das Recht entgegenzusetzen. - Kunst und Presse sind frei."

André Mure lebt seit acht Jahren in der Oberpfalz. Er ist leidenschaftlicher Comicleser und Sammler, speziell von Graphic Novels. Insbesondere schätzt er Autoren wie Rabaté, Moebius oder Marjane Satrapi. Das sagt der gebürtige Franzose:

"Natürlich bin ich schockiert über das, was passiert ist! Aber viel mehr deprimiert mich, dass der französische Staat die Redaktion von ,Charlie Hebdo' nicht schützen konnte, obwohl jeder wusste, dass die Zeichner bedroht wurden. ,Charlie Hebdo' kenne ich - wie jeder Franzose - sehr gut, denn die Arbeiten der jetzt ermordeten Karikaturisten wurden in über zehn verschiedenen Zeitungen veröffentlicht. Zudem hat Cabu für das Kinderprogramm Récré A2 gearbeitet und ist deshalb vielen von klein auf bestens bekannt.

Ich selbst bin zwar kein wirklicher Fan von ,Charlie Hebdo', da die Zeichner für meinen Geschmack zu wahllos auf alles spucken. Ihre Kritik schont allerdings auch niemanden, weder Personen noch Religionen. Für die französische Gesellschaft ist ,Charlie Hebdo' eine ganz wichtige Instanz der Meinungsbildung. Die getöteten Karikaturisten haben unermüdlich und ohne Bereitschaft zu Konzessionen Fehlentwicklungen der Gesellschaft, der Politik und aller Religionen benannt. Konkret fürchte ich jetzt Konsequenzen an der Wahlurne: Bürger, die dem Front National zuneigen, werden sich in ihren Ansichten bestärkt fühlen und so auch diejenigen, die noch unentschieden waren, nach rechts ziehen.

Ich kann nicht glauben, dass die Terroristen diese Konsequenzen nicht bedacht haben, wenn doch gerade die muslimischen Gemeinden in und außerhalb Frankreichs darunter leiden werden. Ich frage mich auch, ob die französische Satire-Tradition, nämlich auf alles und jeden zu zielen, fortbestehen kann. Eine Selbstzensur vieler Autoren existiert bereits und wird sich verstärken. Denn wer will schon für eine Zeichnung sterben?"
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