Zirkus-Nostalgie auf Weltniveau

Teufelchen auf Händen getragen: Die Produktion "Matamore" (Angeber, Prahler) des Cirque Trottola. Bild: Cirque Trottola/Philippe Laurençon

Gebannt blicken die Zuschauer auf die kleine Arena hinab. Auf sechs Metern Durchmesser ersteht eine versunkene Traumwelt kurioser Gestalten. Der Cirque Trottola und das Petit Théâtre Baraque zeichnen in "Matamore" mit den poetischen Mitteln des "Neuen Zirkus" ein schrullig-artistisches Gruselkabinett.

Verkehrte Welt in der Europäischen Kulturhauptstadt: Anstelle von Löwen fletscht eine pompöse Raubtierbändigerin die Zähne. Zwei alte Männer erinnern bei ihrem tragikomischen Streit an Szenen aus Becketts "Warten auf Godot". Ein Hündchen turnt auf Vorderpfoten, ein Teufel wird am Trapez vergessen und ein derangierter Torero trotzt seinen Ängsten - die nostalgische Welt des burlesken Wandertheaters voller Bosheit und Schabernack, Intrige und Versöhnung erlebt eine modernisierte Wiedergeburt.

Die Leichtigkeit, mit der die artistischen Schauspieler ihr Metier betreiben, lässt vergessen, dass die Könner von Trottola (übersetzt, Top) diesen Bühnenzauber hart erarbeiteten: Ein Pistolero hantiert erst mit einem, dann einem zweiten Revolver atemberaubend kurios - nicht auf die Zahl der Gegenstände kommt es beim Neuen Zirkus an, sondern auf die Originalität der Vorführung. So verwandelt sich ein Handwerker des Todes durch die virtuose Zeichensprache in einen Prediger der Gewaltlosigkeit - Schwerter zu Pflugscharen komponiert für zwei Hände.

Puppe am Reck

Der Übergang von Kunstfigur zum Menschen ist fließend. Ein lebloser Hampelmann am Reck, dessen Arme an der Stange fixiert sind, wird vom Mann am Rad zum Leben erweckt: Die Puppe turnt aberwitzig riesige Felgen, plötzlich bäumt sich der schlaksige Körper auf, als hätte er Muskeln, Sehnen und einen eigenen Willen und wirbelt durch die Luft - das Publikum honoriert das Wunder und klatscht der Kreatur begeistert Beifall.

Charakteristisch für die Stilmittel des Neuen Zirkus ist die kunstvolle Mischung aus Schauspiel, Tanz und Akrobatik mit der tschechischen Tradition der Laterna Magica und deren fantastischer Projektionen - bei den Clowns von Trottola nie ohne Komik.

Wegbereiter und Vorbilder sind das "Théâtre du Soleil", der "Nouveau Cirque", der poetische "Cirque Plume", die die Gattung künstlerisch revolutionierten und ihr kulturpolitische Anerkennung verschafften. Zirkus fällt deshalb in Frankreich längst in die Zuständigkeit des Kultusministeriums - und beim Auftritt der französischen Stars der Kunstmanege applaudiert auch Staatspräsident François Hollande und vergisst dabei seine politischen Sorgen.

Helden der Szene

Die fünf Artisten und Schauspieler der zentralfranzösischen Truppe aus dem Limousin gehören nicht nur im Land des Cirque nouveau zu den gefeierten Helden der Szene. Mitbegründer Bonaventure Gaston ist Träger des renommierten SACD-Preises.

Kollegin Titoune genoss eine Trapez-Ausbildung in der "École du Cirque" von Montréal, ist künstlerische Beraterin der Zirkusschule von Genf und gewann eine Silbermedaille beim "Weltfestival des Zirkus von morgen" im alterwürdigen Pariser Cirque d'Hiver. Die Komiker Nigloo und Branlotin sind seit den 1970er Jahren Mitbegründer zahlreicher Truppen und gefeierte Schauspieler in vielen Theatern.

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