Zum 20. Todestag des Sängers und Poeten Rio Reiser
Schritt für Schritt ins Paradies

Rio Reisers musikalisches Vermächtnis lebt in den unvergänglichen Songs weiter, die er im Laufe der Jahre geschaffen hatte und die ihn so präsentieren, wie er von seinen Fans geliebt wird : frech, nachdenklich, provokant und kompromisslos. Bild: Gert Möbius
 
Das Grab von Rio Reiser in Berlin. Am 20. August vor 20 Jahren starb der Ton-Steine-Scherben-Sänger. Sein Bruder und langjähriger Wegbegleiter Gert Möbius erinnert sich in dem Buch "Halt dich an deiner Liebe fest" an die gemeinsame Zeit. Bild: dpa
 

Am heutigen 20. August jährt sich der 20. Todestag des mit 46 Jahren viel zu früh verstorbenen nationalen Ausnahme-Sängers und -Poeten Rio Reiser. In einer bewegenden Biografie erinnert sich Gert Möbius an seinen Bruder.

Rios Plattenfirma nahm diesen traurigen Umstand zum Anlass, um eine weitere Kompilation in die Runde zu werfen: Eine "Best of" - was immer dies im Falle Reiser zu bedeuten hat, denn unter kommerziellem Aspekt war der Singer/Songwriter-Wunderknabe selten der ganz große Hit. 20 Titel sind auf "Alles und noch viel mehr" (Sony Music) vereint, 18 von Rio's sechs Solo-Alben, "Lass uns ein Wunder sein" sowie "Halt dich an deiner Liebe fest" als Beiträge von Reisers früherer Band Ton Steine Scherben. Ein etwas kruder Mix und doch - jedes Ass aus Rios Ärmel sticht bis heute: Kracher wie "König von Deutschland", "Junimond" oder "Jetzt schlägt's 13" sind längst Deutsch-Rock-Klassiker.

Von Louisan bis Nena


Anders sieht es mit den Beiträgen auf CD 2 aus: Johannes Oerding, Annett Louisian oder Nena mögen sich mehr oder weniger Mühe gegeben haben, Rio Reiser mit ihren Coverversionen seiner Lieder Tribut zu erteilen. Leider kann keiner unserer modernen Nationalheroen auch nur mit dem Hauch von Genie an den Großmeister heranreichen.

Doch auch ein anderer Mensch hat dieses Jubiläum zum Anlass genommen, um Licht ins Dunkel jenes genialen Phänomens Rio Reiser zu bringen: Sein ältester Bruder Gert Möbius hat das Buch "Halt dich an deiner Liebe fest" verfasst. Der Beitrag des 73-Jährigen besitzt eine andere Dimension, wenn man sich den spannenden Mikrokosmos des "ewigen Underdogs" als Außenstehender erschließen möchte.

Das liegt schon daran, weil Gert, gelernter Kaufmann, aber auch Kunstmaler, Theater-Produzent und Drehbuchautor, stets an Reisers Seite war. Zusammen mit dem dritten Bruder Peter siedelte er vom beschaulichen Offenbach Ende der 1960er ins lebenspralle West-Berlin. Dort gründete man eine links-alternative Theatergruppe, komponierte die erste Beatoper der Welt namens "Robinson 2000", der allerdings kein Erfolg beschieden war, besetzte Häuser. Rio gründete 1970 schließlich die Agitprop-Formation Ton Steine Scherben, die mit bewusst plakativ gehaltenen Rock-Krachern wie "Keine Macht für niemand" oder "Macht kaputt, was euch kaputt macht" rasch Kult-Status in der linksradikalen Szene erhielt, von "Anarcho-Gassenhauern" war gerne die Rede.

"Halt dich an deiner Liebe fest" erzählt dieses aufregende Stück deutscher "Historie von unten". Doch darüber hinaus, und das macht dieses Buch so aufsehenerregend, kommt man an Rio Reiser nahe heran wie nie zuvor - an den Radikalen, den Romantiker, den Selbstzweifler, den Grübler, den Erotomanen, der lange brauchte, um seine Homosexualität öffentlich zu machen, an das "Gesamtkunstwerk". Besonders tiefgehend sind die erstmals veröffentlichen Tagebucheinträge von 1972 bis 1974, in der nicht selten eine in sich zerrissene Persönlichkeit zum Vorschein kommt.

"Mein kleiner Bruder war ein Exzentriker, eine Persönlichkeit mit Brüchen im Charakter, politisch ein Anarchist, der sich stark an den sozialen und politischen Umständen in den 1970ern gerieben hat", erzählt Gert Möbius im Gespräch. "Er sah sich als Rebell und Aufwiegler - hätte aber durchaus kein Problem damit gehabt, wenn er mit seiner Arbeit auch materiell gut über die Runden gekommen wäre."

Gert Möbius hat das "Rio Reiser-Archiv" ins Leben gerufen und ist damit der "Hohepriester des Vermächtnisses meines Bruders", wie er feixt. Nur durch den direkten Zugriff auf das vererbte Material des legendären Verwandten "konnte ich eine derart intime Biografie erstellen", meint Möbius. Und fügt hinzu: "Rio und ich waren echte Freunde, Vertraute. Und das, obwohl ich bestimmt nicht alle seiner zum Teil exzessiven Emotionen nachvollziehen konnte. Vor allem nicht sein ewiges Suchen und Finden und Wieder-Verlieren der Liebe. Unabhängig davon war er ein einzigartiger Mensch."

Als Straßenmusiker


Auch der Autor dieser Zeilen hatte 1988 als Musikjournalist Gelegenheit, Reiser erstmals zum Interview in einem schwäbischen Kaff namens Biberach zu treffen, wo ab 20 Uhr ein Auftritt von ihm stattfinden sollte. Aus 30 Minuten geplantem Interview wurden über zwei Stunden herrlichen Gesprächs. Am Nachmittag trafen wir uns in einem kleinen Biergarten und genehmigten uns dermaßen viel Sprit, dass die Veranstaltung am Abend ernsthaft in Frage stand. Natürlich zog Reiser das Konzert - ganz Profi - durch.

Ich erinnere mich auch daran, dass Rio der einzige deutsche Musiker war, der bei einer von mir organisierten Aktion des Zeitgeist-Magazins "Wiener", deren Kultur-Ressortleiter ich damals war, im Jahr 1993 inkognito und zwei Stunden lang solo und nur mit der Gitarre in der Hand als Straßenmusiker in der Hamburger Fußgängerpassage zugange war. Gegen 18 Uhr wurde er von einer genervten Geschäftsfrau vertrieben, er hatte 34 Mark und 10 Pfennige im Hut und blutige Finger vom Spielen.

Danach hatte ich noch 1994 Kontakt zu ihm, als er bei der Präsentation für seine Autobiografie "König von Deutschland" Station in Augsburg machte, um dort in einer Kneipe aus seinem Buch vorzulesen. Wir trafen uns am Nachmittag bei glasigem Wetter erneut in einem Biergarten, Rio mit Lebensgefährte Nils - er würde sein letzter Partner sein - sowie einem riesengroßen Köter im Schlepptau. Nils sah sich in erster Linie als Beschützer von Rios Leber an, indem er versuchte, ihm seinen gewaltigen Verdauungs-Cognac auszureden - was ihm nicht gelang. Geliebt haben die zwei sich trotzdem, das hat man vom ersten Moment an gespürt, wenn man die beiden zusammen sah.

Natürlich forderten die Leute während der zweistündigen Veranstaltung in der Augsburger Kneipe immer wieder lautstark, dass Rio einige "Scherben"-Lieder zum besten geben solle. Rio wehrte sich zunächst dagegen, doch nach einigen weiteren "Cognäckchen" ließ er sich zu einer A-Capella-Version von "Keine Macht für niemand" hinreißen.

Seitdem hatte ich nur noch sporadisch Kontakt zu Rio, zwar verfolgte ich seine Karriere konstant, doch immer öfter, wenn ich Fotos von ihm sah, dachte ich bei mir: "Um Himmels Willen, hoffentlich geht es dem Kerl nicht so schlecht wie er aussieht." Mir war klar, dass Reiser nicht richtig alt werden würde, weil es die Besten noch nie allzu lange ausgehalten haben auf diesem merkwürdigen Planeten.

Verrücktes Projekt


Irgendwann 1995 telefonierten wir nochmals kurz miteinander und beschlossen, dass wir zusammen seine "wahre Lebensgeschichte" aufschreiben würden. Ein verrücktes Buch sollte es werden. Es sollte nicht mehr dazu kommen. Denn als ich an jenem 20. August von der Rio-Reiser-Todesmeldung um 20.13 Uhr in der "Tagesschau" überrascht wurde, war das ein emotionaler Vernichtungsschlag für mich. Ich hoffe bis heute, dass ein paar jener Tränen in Rio Reisers "Zauberland" angekommen sind. Ein äußerst tröstlicher Gedanke für mich, wo ich weiß, dass diese Tränen aus ganzem Herzen versandt wurden.

BuchtippIn diesem sehr persönlichen Buch "Halt dich an deiner Liebe fest. Rio Reiser" (351 Seiten, 22,95 Euro, Aufbau-Verlag) beschreibt Gert Möbius das Leben seines Bruders, des großen Musikers und Exzentrikers Rio Reiser. Sichtbar werden eine überraschende Persönlichkeit mit all ihren Brüchen und Verzweiflungen und zugleich ein Panorama deutscher Musik- und Politikgeschichte. Nie zuvor konnte man Reiser so nah erleben, denn dieses Buch enthält neben zahlreichen persönlichen Dokumenten, aus denen Gert Möbius erstmals zitiert, auch Auszüge eines Tagebuches, das Rio Reiser in den Jahren 1972 bis 1974 führte, sowie zahlreiche bislang unveröffentlichte Fotos.

Möbius schildert in diesem Buch anhand von persönlichen Aufzeichnungen und Tagebüchern Rio Reisers die wilden Jahre, in denen die Welt auf den Kopf und wieder zurückgestellt wurde. Er zeigt aber auch die sensible und verletzliche Seite des Künstlers.

Rio und ich waren echte Freunde, Vertraute. Und das, obwohl ich bestimmt nicht alle seiner zum Teil exzessiven Emotionen nachvollziehen konnte. Vor allem nicht sein ewiges Suchen und Finden und Wieder-Verlieren der Liebe.Gert Möbius



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