Zwischen Firn und Reben
Unterwegs im spätherbstlichen Pustertal

Ein Schauplatz erster Güte ist der kleine Lago Atorno mit den wilden Zacken der Cadingruppe. Bilder: Moser (14)

Goldgelb leuchtende Lärchen vor schneeüberzuckerten Felszinnen, weite Almböden mit grandiosen Ausblicken und als Zugabe eine Fülle von Fresken, oft versteckt in kleinen Dorfkirchen, deren Türme spitz in den tiefblauen Himmel stechen. Das alles ist zu finden im Pustertal und seinen Nebentälern.

Sollen wir nach Kloster Neustift reinfahren, einen Cappuccino trinken und eine Buchweizentorte dazu essen? Dies fragten wir uns kurz nach dem Brenner. Nein, gleich raus aus dem Tal, hinauf von Mühlbach zur Burg Rodenegg, die auf einem Felssporn über der Schlucht der Rienz thront. Sie zählte zu den größten und stärksten Wehrburgen ihrer Zeit im Lande. Bekannt geworden ist sie durch die Iwein-Fresken aus dem frühen 13. Jahrhundert, die erst 1972 entdeckt und wieder freigelegt worden sind. Leider war die Zeit für Besichtigungen schon vorbei, wir standen vergebens vor dem Burgtor.



Dann Auffahrt zum Parkplatz Zumis auf 1800 Metern Höhe. Von hier aus auf die Rodenecker und Lüsener Alm, die mit weit über 2000 ha Wiesenfläche nach der Seiser Alm die zweitgrößte Alm in Südtirol ist. In der Woche vorher hatte es geschneit. Der Kontrast zwischen den Lärchen, die nach einigen Frostnächten ihre Farbe schon leicht ins kupferfarbene gewechselt hatten, dem strahlenden Himmel und den schneebedeckten Bergen glich einem Gang durch eine Märchenlandschaft. Weite Blicke hinüber zur Plose, zum Peitlerkofel, zu Schlern und Brenta, nach Norden zu den Zillertalern. Einkehr auf der Sonnenterrasse der Roner Hütte. Die Zeit schien still zu stehen und die Wahl zwischen Kasnocken, Hirschgulasch und Kaiserschmarrn fiel gar nicht so leicht.

Verhunzter Berg


Eine Woche zu spät waren wir dran auf dem Kronplatz, um das jüngste Museum von Reinhold Messner zu besichtigen. Zwei Stunden waren wir vom Furkelpass heraufgewandert, zuletzt durch knietiefen Schnee. Überall werkelten noch die Monteure an den Seilbahnen, die Wirte schleppten Verpflegung herbei und genau auf diesem arg verhunzten Berg, der jedoch mit einer 360 Grad Rundumsicht gesegnet ist, steht jetzt, in den Berg hineingebaut, das Museum. Reinhold Messner schreibt dazu: "Aus dem Ladinischen übersetzt bedeutet Corones "die Krone". Der Kronplatz beherbergt nun das Highlight meiner Bergmuseen: Einen Ort der Stille, der Entschleunigung und unvergessener Ausblicke. Dieser Rückzugsraum öffnet alle menschlichen Sinne für das Darüber und Dahinter. Die Berge werden zum Erfahrungsraum, Teil unserer Kultur. Im Geistesflug über alle Gipfel hinweg gilt es sie neu wahrzunehmen".



Ortswechsel: Fahrt zum Misurina See, zum kleinen Lago Atorno, wo sich die Felszacken der Cadinspitzen im Wasser spiegeln. Auffahrt auf der Mautstraße zur Auronzohütte auf 2300 Meter. Statt des Winterraums, wo ausgebreitete Schlafsäcke anzeigten, dass hier einige übernachten wollen, bevorzugten wir unseren VW-Bus. Nachts wurde es eisig kalt und der Halbmond warf sein bleiches Licht über die Szenerie. Zeitig aufstehen, denn wir wollten zu den Ersten gehören, welche die Wanderung zum Zinnensattel angehen.

Dort oben reißt es einem förmlich die Blicke nach oben. Himmel stürmend ragen die Wände der Drei Zinnen über 500 Meter auf. Bereits 1933 hatten sich Emilio Comici, Angelo und Guiseppe Dimai da hinauf genagelt. Alpingeschichte wurde hier geschrieben mit Winterbegehungen, Soloklettereien und mit tödlichen Abstürzen.

Das Gsieser Tal zweigt von Taisten aus nach Nordosten ab und liegt zwischen den Ausläufern der Riesenferner Gruppe und den Defregger Alpen. Es ist ruhig hier, so richtig geeignet, einen langen Wandertag auf dem Almweg 2000 einzulegen. Kleine Bäche stürzen zu Tal. Der Frost zauberte Eiszapfen an die Gräser und an die Steine. Wohlverdiente Rast dann auf der Aschtalm. Rehe äsen oberhalb der Hütte, die Kinder einer Urlauberfamilie sind ganz aus dem Häuschen. Und der Wirt meint schmunzelnd: "Da mach ich dann die Kühltruhe auf, dann hupfen die eine!"



Bedeutende Zeugnisse


Kulturtag oder Bergtag? Das war nun die Frage. Wir haben uns für die Kirchen entschieden. Wo anfangen, wo aufhören? Die romanische Stiftskirche von Innichen ist das bedeutendste Zeugnis dieser Epoche im Ostalpenraum. Sie geht zurück auf die Gründung eines Benediktinerklosters durch den Bayernherzog Tassilo III. im Jahre 769. Ein Um- und Neubau war 1284 fertig. Die Baumeister folgten dabei lombardischen Vorbildern mit einer dreischiffigen Basilika und einem markanten Querbau mit Vierungskuppel. Im 17. und 18. Jahrhundert barockisiert, wurde 1969 mutig und energisch aufgeräumt, um der Kirche ihre romanische Würde wieder zurück zu geben. Einige Zeit sollte man hier schon einplanen, um das Tympanon über dem Südportal, das Innere mit der Kreuzigungsgruppe, die Fresken mit der Schöpfungsgeschichte oder die Krypta auf sich wirken zu lassen.

Sakrales Kleinod


Jeder Ort, ja fast jedes Dorf, wartet mit einem sakralen Kleinod auf. Des öfteren sind riesengroße Christophorus Fresken an den Außenwänden. Im Volksglauben glaubte man früher, dass an dem Tag, an dem man ein Bild oder eine Statue des Heiligen sieht, man nicht vom plötzlichen Tod heimgesucht wird. Eine kleine Auswahl: St. Sigmund in Kiens mit einem sehenswerten Flügelaltar der Donauschule um 1440, St. Georg in Taisten mit Fresken des Meisters Leonhard von Brixen, bei St Ägidius in Mitterolang sind zu erwähnen das Fresko "Johannes auf Patmos" und eine Abendmahlszene an der linken Chorwand. In Unterolang ist die seltene Darstellung einer schwangeren Mutter Gottes an der Pfarrkirche zum hl. Petrus und zur hl. Agnes zu bestaunen.



Wieder einmal haben wir feststellen müssen, dass eine Woche für Südtirol viel zu knapp bemessen ist. Für Burgen und Schlösser hat die Zeit nicht gereicht. Also wiederkommen im Frühsommer, wenn die Tage länger sind, die Alpenrosenfelder im Gsieser Tal blühen und auch wieder Gipfeltouren möglich sind.

Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.