Neue CD von Chris Isaak
Der ewge Hofnarr

Chris Isaak hatte bereits Mitte der achtziger Jahre einen kometenhaften Aufstieg als einer der besten und unterhaltsamsten Performer feiern können. Sein ureigener Gesangsstil machte ihn zu einem der beliebtesten Sänger und Songwriter. Bild: Macfly Corp
 

Wie macht dieser Kerl das nur? Chris Isaak wird am 26. Juni 60 Jahre alt. Der Kalifornier sieht dennoch aus wie seit jeher: Volles Haar, zur klassischen Entenschwanz-Frisur gegelt. Durchtrainierter Körper.

Das umwerfende Raubtier-Grinsen, das ihn speziell für die weibliche Welt so gefährlich wie betörend macht, sitzt in seiner Lässigkeit wie festgemeißelt. Von der Stimme des Hünen ganz zu schweigen: Seit seinem Einstand in die Musik-Szene wird Isaak - völlig zurecht - als Widergänger von Rock & Roll-Ikonen wie Roy Orbison oder Elvis Presley gehandelt. Ach, all dieser Schmelz, all dieses Drama, all dieses Pathos!

Trotz dieser äußerlichen wie künstlerischen Geschenke, die ihm offensichtlich in die Gene gelegt wurden, hat es Chris Isaak nie zu einem der ganz Populären in der weiten Welt der Musik gebracht. Letztendlich hatte er seinen einzigen richtig großen öffentlichen Auftritt anno 1990, als seine bereits im Jahr zuvor erschienene wunderbare Schmacht-Ballade "Wicked Game" von Kult-Regisseur David Lynch für dessen ebenso kultigen Film "Wild At Heart" zur Titelmelodie gekürt wurde.

Eine Mega-Karriere


Die von der Plattenfirma rasch ausgekoppelte Single stieg in den USA bis auf Postion 6, in England auf Rang 10 und in Deutschland auf Platz 9 der regulären Hitparade. Star-Fotograf Herb Ritts drehte flott ein Video zum Song, Top-Model Helena Christensen räkelte sich mit Isaak in Schwarz/Weiß-Optik an einem Strand in Malibu - fertig war der Start einer Mega-Karriere.

Nun ja, sollte man meinen. War aber nicht ganz so. Chris Isaak hatte bis dahin bereits drei sensationelle Alben vorgelegt, ganz in der Tradition des originären Rock'n'Roll der 1950er und 1960er gehalten, die Kritiker überschlugen sich in ihren Lobeshymnen. Das gemeine Fußvolk, also: der Konsument von Musik, hielt sich leider stark zurück beim Kauf der Platten. Chris Isaak legte nach dem Übernacht-Erfolg von "Wicked Game" neun weitere prächtige Studio-Werke vor, die zwar sämtlich charteten, allerdings nurmehr in den unteren Regionen. Der Mann hatte sich zwar mittlerweile einen Namen gemacht, doch zu den Dauer-Präsenten in den Medien reichte dieser Umstand nicht.

Fortan fuhr der smarte Beau kreativ mehrgleisig: Neben der Musik trat er als Schauspieler in Erscheinung, etwa in angesehenen Produktionen wie "Little Buddha", "Das Schweigen der Lämmer" oder "Twin Peaks - Der Film". Zudem war er in seiner amerikanischen Heimat zwischen 2001 - 2004 in seiner eigenen TV-Serie "The Chris Isaak Show" zu bestaunen, seit 2015 gehört er zu den Juroren der australischen Casting-Show "The X-Factor".

Dennoch, die eigene Musik hat Chris Isaak nie losgelassen. Und weil das zum Glück so ist, erscheint jetzt das erste Album mit eigenen Songs seit sechs Jahren, "First Comes The Night" betitelt. "Das ist eine weitere Platte für all die Melancholiker unter uns", konstatiert Isaak im Gespräch beinahe fröhlich. "Ich mag nach außen hin ein lustiger Typ sein, meistens fühle ich mich auch so. Aber alles in allem steckt eine Menge Bittersüße in meinem Werk, dessen bin ich mir bewusst. Unsere Welt, unser Dasein sind doch geradezu prädestiniert, dass man ein Grübler wird - mit all der Vergänglichkeit, von der wir bestimmt sind. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Mir gefällt nur nicht, dass er ständig auf mich lauert."

"Weiterer Mosaikstein"


Chris Isaak sieht "First Comes The Night" nicht als Quantensprung in seiner kreativen Entwicklung, sondern ganz bescheiden als "weiteren Mosaikstein, der in meiner ureigenen künstlerischen Tradition steht", sagt er. "Ich halte damit unbeirrt die Tradition meiner unsterblichen Heroen wie Roy Orbison oder Gene Vincent hoch. Ich sehe nicht nur wie ein Rock & Roller aus der Steinzeit rein optisch aus. Tatsächlich fühle ich mich dieser Steinzeit eng verpflichtet."

Obwohl es satte sechs Jahre dauerte, ehe der Mann aus San Francisco eine neue Produktion auf den Markt brachte, war für ihn von Schreibblockade keine Spur in Sicht. "Ich hatte noch nie Probleme mit so was", lacht er, "das wäre ja Zeitverschwendung. Tatsächlich unternehme ich einfach nur unglaublich viele verschiedene Dinge, bin ständig beschäftigt. Doch ich feile Tag für Tag an neuen Liedern, seit ich 13 oder 14 bin. Nur bin ich leider Gottes auch Perfektionist. Songs gehen erst dann in die Öffentlichkeit, wenn sie in meinen Ohren vollkommen sind."

Als schizophren sieht sich der leidenschaftliche Fan der Musik der 1950er, der Stummfilme von Buster Keaton der 1920er oder der Bauhaus-Kultur der 1930er übrigens nicht: "Tatsächlich stehe ich in der Tradition von Entertainern der letzten Dekaden, ganz nostalgisch", erklärt Isaak. "Vielleicht stehe ich sogar in der Tradition von Hofnarren des Mittelalters. Mir ist das völlig egal. Hauptsache die Menschen haben Freude an dem, was ich tue."

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Weitere Informationen:

www.chrisisaak.com

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