Sonderausstellung zu den 70er Jahren im Industriemuseum Lauf/Pegnitz - Kommt nach Amberg
Von Fuchsschwanz und Che Guevara

Wiedervereinigung schon lange vor dem Mauerfall - am ungarischen Plattensee kamen Deutsche aus Ost und West zusammen, in einer Zeit, in der an eine politische Lösung nicht in den kühnsten Träumen zu denken war. Die Menschen trafen sich auf Campingplätzen: Wessis mit kleinen Zelten, Ossis mit Hauszelten - ganz entgegen gängiger Klischees. Der Großteil war motorisiert, etwa mit einem Schwalbe-Kleinkraftroller aus dem thüringischen Suhl (im Vordergrund). Bild: Lobenhofer

Manta-Fahrer dürfte er kaum gewesen sein und den Film um den Kult-Opel hat er wohl nie gesehen: Die Rede ist von einem hilfsbereiten Zeitgenossen, der sich bei Dr. Renate Kubli meldete, als diese für die Sonderausstellung "Die 70er Jahre" per Zeitung nach einem "Fuchsschwanz" gefahndet hatte: Der Mann hielt der Leiterin des Industriemuseums in Lauf - angesichts der Lieferadresse verständlich - eine lange schmale Säge entgegen. Einen "Fuchsschwanz" eben. Aber auch der erhoffte buschige Schweif ging noch ein - und hängt nun an dem Wackelstangerl eines "Bonanza"-Rades.

"Die 70er Jahre - Zeitgeist und Lebensgefühl eines bunten Jahrzehnts" ist die Sonderpräsentation überschrieben. Seit vergangenem Herbst haben sie über 28 000 Menschen gesehen. "Für viele von ihnen eine Reise zurück in die eigene Jugend", wie Dr. Kubli aus unzähligen Reaktionen von Besuchern zu berichten weiß. Ob gelb-braun-ocker-gestreifte Wohnzimmer-Garnitur vor gelb-grünen Blumentapeten, ob Partykeller mit eigener Bar und Gulaschsuppe oder auch der Schlüsselloch-Effekt beim angestrengten Blick durch die klitzekleinen Guck-Öffnungen in die ersten Sexshops - da erwacht die Vergangenheit zu neuem Leben.

Auf über 500 Quadratmetern begeben sich die Interessierten auf einen Streifzug durch die schillernde Alltagskultur der 70er Jahre und erleben Originale aus den Themengebieten Wohnen, Mode, Jugend, Musik, Erotik und Freizeit. Knallige Farben, üppige Formen und der Mix von großflächigen Mustern machen die besondere Vitalität und Emotionalität dieser Epoche aus.

Höhepunkt der Ausstellung sind vier begehbare Räume (Wohnzimmer, Jugendzimmer, WG-Raum und rustikaler Partykeller), die bestückt mit allerlei Kuriosem zum Staunen und Schmunzeln verleiten. Wenn da an die Wand gekritzelt steht "Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment" oder "Make peace not war", dann bedarf es hinsichtlich des damaligen Zeitgefühls keiner größeren Erläuterungen mehr. Zumal Freiheitskämpfer Che Guevara vom weltbekannten Poster herab dies alles im Auge hat, ebenso wie das durchwühlte Bettzeug auf der WG-Matratze.
Fast schon witzig wird's, wenn Museumsleiterin Kubli die Abteilung mit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung in den 70ern am ungarischen Plattensee vorstellt: Ossis und Wessis gemeinsam am Strand des Campingplatzes. Bei der Frage, wer im Hauszelt und wer im Jugendzelt davor gecampt haben könnte, lächelt Dr. Kubli bei den meisten Antworten: Groß ist gleich West und klein ist gleich Ost, das passt zwar in alle gängigen Klischees - "stimmt aber hier nicht", sagt sie verschmitzt.
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