2350 Spätaussiedler
Einst aus Bayern nach Sibirien

Erna Horn (links), Leiterin des Rosenberger Tanzkreises "Von Fremden zu Freunden", hatte als Referenten Dr. Adolf Rank (rechts) eingeladen. Der Kirchenhistoriker sprach über die Geschichte der Russlanddeutschen. Bild: cog
leben im Stadtgebiet. Das sind zwölf Prozent der Bevölkerung. Trotzdem wissen viele alteingesessene Sulzbacher und Rosenberger nur wenig über die Zuwanderer. Beim Tanzkreis "Von Fremden zu Freunden" half ihnen Dr. Adolf Rank auf die Sprünge. Der Historiker sprach über die Spätaussiedler und ihre leidvolle Geschichte.

Sulzbach-Rosenberg. (cog) Die Besucher diskutierten im Gemeindehaus von St. Johannis über Schwierigkeiten, denen die Neubürger in der Herzogstadt begegnen. Die meisten haben sich aber mittlerweile gut in Deutschland integriert, hieß es bei dem von Erna Horn, Leiterin des Rosenberger Tanzkreises "Von Fremden zu Freunden", organisierten Treffen.

Die Geschichte der Russlanddeutschen begann mit Katharina der Großen (1729-1796), berichtete Dr. Adolf Rank. Die spätere Kaiserin war eine deutsche Prinzessin von Anhalt-Zerbst, die mit dem russischen Thronfolger Peter verheiratet wurde. Sie modernisierte die Verwaltung, baute Schulen und erweiterte das Reich. Der Süden Russlands war damals eher dünn besiedelt. Deshalb schickte Katharina Werber nach Deutschland. Sie versprach Land und finanzielle Starthilfe, Steuer- und Religionsfreiheit, die Befreiung vom Wehrdienst sowie Selbstverwaltung auf lokaler Ebene. Voraussetzung war, dass die Siedler verheiratet waren und keine Schulden hatten.

Im 18. Jahrhundert

In einer ersten Welle (1764-1766) folgten 30000 Deutsche ihrem Ruf. Darunter waren rund 1000 Bayern. Eine Sammelstelle war Wörth bei Nürnberg. Dort wurden in knapp zwei Monaten 132 Menschen verheiratet. Wie den Kirchenbüchern zu entnehmen ist, waren von diesen Ehen 41 Prozent evangelisch und 26 Prozent katholisch. Bei dem Rest handelte es sich um Mischehen. Die Aussiedler wurden ohne Aufgebot und ohne Ansehen der Konfession verheiratet. Rank erklärte das den Gästen damit, dass die Wöhrder Gemeinde arm war und der Pfarrer von den Werbern Schmiergeld bekam.

Die zweite Welle von Deutschen ging 1804 unter Katharinas Enkel Alexander I. nach Russland. Damals mussten die Auswanderer ein Mindestvermögen von 300 Gulden nachweisen, außerdem wurden nur ausgebildete Landwirte, Winzer und Viehzüchter genommen. "Die Deutschen stellten einen beachtlichen Gewinn für Russland dar", betonte der Historiker in seinem Vortrag.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Privilegien eingeschränkt. So wurde 1871 als Amtssprache Russisch vorgeschrieben. 1924 wurde die Autonome Sowjetrepublik der Wolgadeutschen gegründet, aber 1941 ordnete Stalin die Vertreibung der Russlanddeutschen an - nach Sibirien. Bis Jahresende wurden 800 000 Menschen aus dem europäischen Teil der Sowjetunion deportiert. Sie wurden in Sondersiedlungen untergebracht, fast alle Erwachsenen mussten in der sogenannten Trud-Armee Zwangsarbeit leisten. Ab 1985 erfolgte die Rückwanderung nach Deutschland. Heute leben 2,7 Millionen Russlanddeutsche in der Bundesrepublik, während in Russland und Kasachstan noch etwa 700 000 zu Hause sind. "Viele der Einheimischen wissen nicht, welche leidvollen Erfahrungen hinter den Aussiedlern liegen", schloss Rank: "Möge dieser Vortrag dazu beitragen, dass wir einander besser verstehen."

Traumatisiert und in Haft

Erna Horn erklärte, dass unter Stalin die deutsche Sprache und Kultur in der Sowjetunion ausgerottet werden sollten. Traumatisiert von ihren entsetzlichen Erlebnissen und aus Angst vor Repressalien, hätten die Menschen nicht über die Lagerhaft berichtet und ihren Kindern nicht die deutsche Sprache beigebracht. Aber auch nach der Übersiedlung nach Deutschland sei es nicht viel einfacher geworden: "Dort waren wir die Deutschen, hier sind wir die Russen. Das tut weh", sagte Erna Horn.
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