40 Jahre Jazz-Zirkel-Weiden: Weltstars und Newcomer sind hier zu Hause
Bebop trifft Swing trifft Blues

Am Anfang stand Trevor Richards mit seinem "New Orleans Trio" im Gasthof Fichtenbühl. 30 Jahre später gab es ein Wiedersehen beim Sommerfest in der Postgasse.
 
"We"re gonna have a funky good time" Fred Wesley & his New JBs" brachten die Altstadt zum Swingen und sprengten die Grenzen zwischen Jazz und Pop.
 
"The singer with the million dollar ears" - Sheila Jordan im Dialog mit ihrem Gitarristen Frank Haunschild. Sie kannte Charlie Parker und ihre Stimme geht unter die Haut.

An einem Rosenmontag keimte die Idee zur Gründung eines Jazzclubs in Weiden. In den vergangenen 40 Jahren gingen nahezu 500 Konzerte über die Bühne, unvergessliche Begegnungen mit den Ikonen des Jazz, aber auch Sprungbrett für Newcomer und Entdeckungen.

Als ich nach Weiden kam, gab es hier keine Jazz-Szene. Ich machte mich auf die Suche nach einem Bassisten und traf auf Frank Hartmann. Am Rosenmontag 1975 saßen wir zusammen und beschlossen, einen Jazzclub zu gründen. Zuerst war das nur eine Interessengemeinschaft, die offizielle Vereinsgründung kam erst zwei Jahre später", erinnert sich Alfred Hertrich, der "Vater" des Jazz-Zirkels. Hertrich, von Beruf Grafiker und selbst als veritabler Gitarrist in der Nordbayerischen Szene aktiv, gestaltete auch die Plakate zu den Veranstaltungen in einzigartiger Weise. Schrift und Grafik hatten immer einen engen Bezug zur jeweiligen Musik, schnell entwickelte sich ein unverkennbarer Stil, der dem Jazz-Zirkel sein Gesicht gab.

Am 22.März 1975 legte der Jazz-Zirkel mit dem "Trevor Richards New Orleans Trio" gleich richtig los. Die Gaststätte Fichtenbühl war dem Besucheransturm kaum gewachsen, bei zweiten Konzert mit der Gruppe Mombasa mussten viele Jazzfans wieder heimgeschickt werden.

Ikonen der Jazz-Szene


Im Laufe der Jahre kamen auch die ganz Großen zum Jazz-Zirkel: Der Gitarrist Attila Zoller gastierte zwischen den renommierten Festivals von Moers und Nürnberg in Weiden. Der legendäre Pianist Mal Waldron hatte schon in den 50er Jahren Aufnahmen mit Billie Holiday gemacht. Zusammen mit Jimmy Woode, langjähriger Bassist im Orchester von Duke Ellington, gab er ein sensationelles Duo-Konzert im Josefshaus. Der Saxofonist Lee Konitz, ein Wegbereiter des Cool-Jazz, zelebrierte mit seinem Quartett ein intimes Konzert im Gasthof Strehl, dem langjährigen Domizil des Jazz-Zirkels. Die Stimme von Sheila Jordan, einst befreundet mit Charlie Parker, schraubte sich in die Gehörgänge der Jazzliebhaber.


Durch die guten Kontakte, die Alfred Hertrich zum Nürnberger Jazzclub und zur Plattenfirma Enja hatte, fanden zwei weitere Gitarristen von Weltrang zum Jazz-Zirkel: Tal Farlow und Jim Hall. Westcoast-Legende Jimmy Giuffre absolvierte einen seiner letzten Auftritte in Weiden, sichtlich gezeichnet von seiner Parkinson-Erkrankung, ebenso wie Posaunen-Legende Curtis Fuller, der am Ende seiner Karriere stand.

Zahllose Abende mit den Ikonen des Jazz bleiben unvergesslich: Die Saxofonisten Lou Donaldson, Dewey Redman, Charlie Mariano, Bennie Wallace, Harry Allen, Scott Hamilton, Ernie Watts, Dave Liebman, Bob Mintzer, Don Menza, Vincent Herring oder Jan Garbarek hinterließen ihre Spuren ebenso wie Ack Van Rooyen und Dusko Gojkovic mit ihrem sanften Ton auf dem Flügelhorn. Die Pianisten Bobo Stenson, Kirk Lightsey und Alan Broadbent zählten ebenso zur Weltelite wie die Schlagzeuger Ed Thigpen und Billy Hart.

Elite des Deutschen Jazz

1994 gastierte die weltbekannte Gruppe Oregon mit Ralph Towner beim Jazz-Zirkel, im Jubiläumsjahr gab es ein sensationelles Wiedersehen mit dieser Formation, die ebenfalls seit mehr als 40 Jahren existiert. Zu den unvergesslichen Eindrücken gehört auch der Abend mit Richard Galliano & Michel Portal, den wohl wichtigsten Repräsentanten der Französischen Szene.

Neben den Giganten von Weltrang, fanden aber auch die führenden Persönlichkeiten der deutschen Jazz-Szene nach Weiden. Großmeister Albert Mangelsdorff gastierte bereits 1977 beim Jazz-Zirkel. Seine Mitstreiter Heinz Sauer, Günter Lenz, und Peter Giger waren im Lauf der Jahre auch mit eigenen Gruppen zu hören. Aber auch Alexander von Schlippenbach, Ernst-Ludwig Petrowsky, Gerd Dudek, Nils Wogram, Conrad Bauer, Ed Kröger, Lajos Dudas und Michael Riessler kamen nach Weiden. Zu den absoluten Höhepunkten zählte der Auftritt des European-Jazz-Trio mit Jiri Stivin, Gerd Dudek und Ali Haurand im Bistrot Paris.

Von Anfang an pflegte der Jazz-Zirkel auch Kontakte zur Jazz-Szene nach Tschechien. Auftritte mit Laco Deczis "Jazz Celula", den Pianisten Emil Viklicky, Milan Svoboda oder Karel Ruzicka, dem Vibrafonisten Karel Velebny, dem Gitarristen Rudolf Dasek, oder dem Flötisten Jiri Stivin folgten. Meisterbassist Frantisek Uhlir und der Schlagzeuger Josef Vejvoda gastierten häufig in Weiden, sowohl mit eigenen Gruppen, aber auch im Trio mit Alfred Hertrich. Auch der ungarische Bass-Virtuose Aladar Pege war mehrmals zu Gast.

Einheimische Szene

Fast ein Jahrzehnt gehörten auch die Bayerisch-Böhmischen Jazz-Begegnungen zum festen Bestandteil im Terminkalender, ein Ereignis, das 2003 auch vom Bayerischen Rundfunk aufgezeichnet und in der Sendereihe "Jazz auf Reisen" gesendet wurde. Der Jazz-Zirkel fühlt sich aber auch der einheimischen Musikszene verpflichtet. Im Laufe der Jahre konnte so eine kleine Weidener Szene entstehen. Motor der Entwicklung war wieder Alfred Hertrich, der neben eigenen Gruppen auch bekannte Namen wie den Saxofonisten Alan Praskin oder den Organisten Jimmy Jackson begleitete. Innerhalb der Reihe "Jazz+Lyrik" kam es zu interessanten Begegnungen zwischen Wort und Musik, die Veranstaltungen in der Regionalbibliothek oder in der Schalterhalle des Bahnhofs sind in bester Erinnerung. In den 70er Jahren gab es auch das "Jazz-Trio Weiden" das besonders Kontakte zur Regensburger Szene pflegte, Musiker wie Manfred Bründl oder Martin Keller unternahmen hier ihre ersten Gehversuche.

Seit 1991 der Profimusiker Juri Smirnov aus Lettland emigrierte, ist er ein Katalysator für die heimische Szene. In immer neuen Formationen bringt er neue Talente an die Öffentlichkeit. Zusammen mit Thomas Stock arbeitet er unermüdlich für den Nachwuchs, das Jazz-Seminar im August fand heuer bereits zum 13, Mal statt und war voll besetzt. Auch ein Gewächs der Weidener Szene ist der Saxofonist Johannes Geiß, der bei den Jam-Sessions erstmals an die Öffentlichkeit trat und heute Dozent beim "Landesjugend Jazzorchester Bayern" ist.

Beim Sommernachtsfest im Bistrot Paris 2014 stellten sich drei Gruppen aus dem Dunstfeld des Jazz-Zirkels vor: Das "Blue Note Project", "Jazzcake" und die "Sax Brothers" haben sich bei den Jam-Sessions zusammengefunden.

Aber auch traditionelle Spielarten finden beim Jazz-Zirkel regelmäßig Eingang. Da ist einmal der Blues. Al Jones, der gebürtige Weidner, stand mit seiner Bluesband mehrmals auf der Bühne. Mit Big Joe Duskin und Louisiana Red gastierten aber auch die Originale aus den USA in Weiden, und mit dem britischen Pianisten Bob Hall war gar ein Name aus dem Dunstkreis der Rolling Stones zu hören.

Südliches Flair

Der Nürnberger Bluesbarde Martin Philippi wurde zum Ehrenmitglied des Jazz-Zirkels ernannt und trat mehrmals in Weiden auf. Auch Konzerte mit dem Stride-Pianisten Ralph Sutton oder den Echoes of Swing sind in bester Erinnerung, ganz zu schweigen von den Jazz-Bällen, die in den 80er Jahren überwiegend mit Dixieland bestritten wurden.


Als Höhepunkt zum 40. Jubiläum gab es am Unteren Markt ein Open-Air-Konzert bei freiem Eintritt. Fred Wesley, langjähriger musikalischer Leiter der Band von James Brown, heizte den Weidenern gehörig ein, ein Event, das ansonsten den ganz großen Bühnen der Welt vorbehalten ist. Dr. Reinhard Roth - seit 1998 Leiter des Vereins - schwärmt: "Wir hoffen, dass es uns gelingt die Begeisterung und die Freude an der spontansten und lebendigsten aktuellen Musikform, dem Jazz, vielen zu vermitteln, Begeisterung, die den Jazz-Zirkel Weiden jetzt schon seit 40 Jahren antreibt."
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