"Alle haben gebetet"

Zeitzeuge Rudolf Lins (stehend, rechts), damals vier Jahre alt, schilderte seine Erinnerungen an den Einmarsch der US-Armee in Oberbibrach am 19. April 1945. Heimatpfleger Sigurd Burucker (links) hatte im Vorfeld ausgiebig zu den Ereignissen vor 70 Jahren recherchiert und zeigte unter anderem Original-Filmaufnahmen. Bild: edo

Die Erinnerung an den 19. April 1945, als in den letzten Kriegstagen die US-Armee in Oberbibrach einmarschierte, ist auch 70 Jahre später noch lebendig. Das große Interesse an der Gedenkfeier beweist: Die Vergangenheit soll nicht vergessen werden.

Nach dem Gottesdienst (wir berichteten) ging es in einem feierlichen Zug in den Saal, des Schützenhauses, der mit zirka 400 Besuchern schließlich restlos gefüllt war. In seinem Grußwort dankte Bürgermeister Werner Roder dort Pater Adrian für die "würdige Gestaltung" der Messe und Heimatpfleger Sigurd Burucker, der die historischen Ereignisse ausführlich recherchiert und graphisch aufbereitet hatte. Zum Einstieg wurde ein Film gezeigt, der die verheerende Bilanz des Zweiten Weltkriegs verdeutlichte.

"Man muss sich an die Ereignisse erinnern, damit sich Derartiges nicht wiederholt", betonte Roder, der einen Bogen zu aktuellen Ereignissen - beispielsweise in Tröglitz und Vorra - spannte. "Rassismus und Totalitarismus müssen bekämpft werden", lautete sein eindringlicher Appell an die Zuhörer. Und der Bürgermeister verdeutlichte ein Privileg der heutigen Generation: "70 Jahre Frieden sind keine Selbstverständlichkeit."

Im Anschluss präsentierte Sigurd Burucker die Ergebnisse seiner Recherchen, die den Gästen ein anschauliches Bild der damaligen Ereignisse boten. Eine Abteilung der 10 162 Mann starken 11. US-Panzer-Division war es, die vor 70 Jahren von Bayreuth kommend auch die Ortschaften Vorbach und Oberbibrach eroberte. Letztere wurde dabei großteils zerstört, da eine hoffnungslos unterlegene Gruppe Wehrmachtssoldaten auf ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug schoss.

Erst Leuchtkugeln

"Es war ein kühler und sonniger Frühlingstag, in etwa so wie heute", berichtete Burucker, der in Auszügen ein US-Protokoll wiedergab. In diesem heißt es: "In Vorbach und Oberbibrach muss mit heftiger Gegenwehr gerechnet werden." Deshalb sei der amerikanische Angriff derartig massiv ausgefallen, erläuterte der Historiker. Zunächst markierten Aufklärungsflugzeuge das Gebiet mit Leuchtkugeln, dann folgte der Beschuss mit Spreng- und Brandbomben. "Die Gebäude ließ man dann meistens bis zu den Grundmauern abbrennen - so sollte der Widerstand gebrochen werden." Deutlich zu sehen war dies in den Original-Filmaufnahmen der US-Armee.

"Es ist wirklich erschütternd, wenn man sieht, wie bekannte Gebäude brennen", sagte eine ortsansässige Zuschauerin. "Das ist noch einmal ganz etwas anderes als die Bilder in Dokumentationen im Fernsehen, in denen einem der direkte Bezug fehlt."

Unter den Gästen waren auch einige, die den 19. April 1945 in Oberbibrach unmittelbar miterlebt hatten. Der ehemalige zweite Bürgermeister Rudolf Lins etwa schilderte lebhaft seine Erinnerungen: "Ich war zwar erst vier Jahre alt und konnte die Geschehnisse nicht ganz einordnen, aber dennoch wusste ich, dass da etwas vor sich ging." Die Todesangst seiner Mitmenschen spürt er noch heute: "Alle haben gebetet - so habe ich es nie mehr erlebt." Da das Anwesen seiner Familie dem Brand zum Opfer fiel, musste sie in provisorischen Baracken hausen. "Man konnte nur überleben, wenn man jemand hatte, der einem half", zeigte sich Lins jenen dankbar, die ihm und seiner Familie Unterkunft gewährt hatten.

Ausharren im Graben

Auch der damals 13-jährige Albert Busch, der heute in Speichersdorf lebt, berichtete von damals. Der Weidener Ludwig Schmid, Sohn des Dorflehrers, war am Kriegsende 16 Jahre alt und erzählte interessante Geschichten von früher: unter anderem davon, wie er als Bub in einem Graben zwischen Vorbach und Oberbibrach ausharrte, weil eine Staffel Jagdbomber ihn ins Visier genommen hatte.

Unter den Teilnehmern waren auch viele junge Oberbibracher, die sich für die Schicksale ihrer Ahnen interessierten. Die von Heimatpfleger Sigurd Burucker erstellten Gedenktafeln halfen ihnen dabei.
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