Als die Welt aus den Fugen geriet

"Wind of change" hat Jochen Breitenbach das Kapitel betitelt - das Jahr der Grenzöffnung, der DDR-Flüchtlingsströme, das Jahr, in dem "die Welt aus den Fugen geriet". Der Nabburger BGS half im Jahr 1989 Flüchtlingen, wo er konnte. Es sind Gänsehaut-Erlebnisse, die sich im Buch finden.

Nabburg. (cv) Jochen Breitenbach (66) ist seit 2008 im Ruhestand. Beim BGS Nabburg durchlebte er alle Reformen, war Hundertschaftsleiter und nach der Auflösung des Standortes bei der Bundespolizei als Inspektionsleiter in Waldmünchen. Als es sich im letzten Jahr zum 50. Mal jährte, dass der BGS in Nabburg einzog, kamen viele Ehemalige zu einem Kameradschaftstreffen. Sie waren "irritiert", dass kaum etwas an den BGS, seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung für die Stadt erinnert. Breitenbachs Entschluss stand: In vielen Tagen und Nächten schrieb er ein Buch über den BGS, erschienen unter dem nüchternen Titel "Bundesgrenzschutz Nabburg 1963 bis 1998".

Geballte Zeitgeschichte

Die Geburtsstunde des BGS in Nabburg, der Einzug, dann die dramatischen Ereignisse im Prager Frühling, die Grenzüberwachung, Großeinsatz bei den Olympischen Spielen 1972, Tatortsicherung nach dem blutigen Attentat - alles Aufgaben der Nabburger. Dann die Zeit des Terrors und der RAF. Für die Beamten hieß das Flughafensicherung, Überwachung des Bundesverfassungsgerichtes. Die Reise durch die Zeitgeschichte geht weiter: Startbahn West, Einsätze bei den Demos gegen Atomkraft: Brockdorf, Wackersdorf.

Breitenbach bereichert die einzelnen Kapitel mit viel Hintergrundwissen und persönlichen Erlebnissen. Die Etappen der Zeitgeschichte erreichen ihren Höhepunkt 1989: "Ende August 1989 war Lagebesprechung bei der GSA Süd 4. Das Szenario: Ungarn öffnet seine Grenze und lässt tausende von DDR-Bürgern in die Bundesrepublik ausreisen. Das Bundesinnenministerium hatte die Errichtung von Flüchtlingslagern im Raum Passau-Deggendorf angeordnet", erzählt Breitenbach. Der BGS musste für die Sicherheit, die Fernmeldeverbindungen - Handys gabs noch nicht - und die Registrierung sorgen. Breitenbach fuhr mit 50 Mann aus Nabburg nach Tiefenbach. Das Nabburger Lager für mehrere hundert Menschen war kaum einsatzbereit, da rollten sie schon an, die Trabis, Ladas und Wartburgs. "Es offenbarten sich unglaubliche menschliche Schicksale", erinnert sich Breitenbach.

Die Übersiedler erhielten nach einigen Wochen feste Unterkünfte in der Erstaufnahmestelle in Weiden, die auch von 40 Nabburgern betreut wurde. Dann füllte sich die Botschaft in Prag, Genschers berühmter Balkon-Satz machte den Weg in den Westen frei. Sonderzüge mit 5500 DDR-Bürgern rollten an, der BGS betreute sie in Weiden, Nabburg und Schwandorf. Anfang November fiel dann faktisch der Eiserne Vorhang. Die Bürger durften direkt aus der CSSR in die Bundesrepublik reisen. "Täglich kamen hunderte in Zügen oder zu Fuß an der Grenze an, wurden von BGS-Beamten in Empfang genommen und zu den Erstaufnahmestellen gefahren. Jedes Bett wurde gebraucht, Beamte rückten zusammen, und auf den Antreteplätzen vor den Hundertschaften standen Trabis und Wartburgs", erzählt Breitenbach. Auch die Nordgauhalle wurde belegt. "Die Beamten waren Mädchen für alles, Rotes Kreuz und THW umsorgten die Menschen".

Gefängnisse geöffnet

Als dann am 9. November die Mauer fiel, beobachtete Breitenbach eine Veränderung: Nun kamen nicht nur diejenigen, die Freiheit gesucht hatten, die intakten Flüchtlingsfamilien, sondern ebenso Problemfälle. Die DDR öffnete die Gefängnisse. Auch diese Situationen mussten gemeistert werden.

Die Einsätze in den Folgejahren waren nie mehr so berührend: Die Bundespolizei war bei "explosiven" Fußballspielen in den neuen Bundesländern, bei der Schaffung neuer grenzpolizeilicher Strukturen gefragt, leistet Unterstützungsdienste für das Grenzschutzamt Schwandorf. 1989 blieb für Jochen Breitenbach einzigartig - als der Wind sich drehte.
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