Am Sonntag Premiere bei den Filmfestspielen: "B-Movie: Lust & Sound in West Berlin" mit dem
Ohne Schauspiel-Erfahrung geradewegs zur Berlinale

Wie ein Schatten: Der Weidener Marius Weber mimt den Musikproduzenten Mark Reeder in dem Doku-Film "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin".
 
"Lust & Sound in West-Berlin" mit umfassenden Bild- und Tondokumenten ist Liebeserklärung und Dokumentation in einem. Marius Weber spielt darin den britischen Musiker, Labelmacher und Militärfetischisten Mark Reeder. Bild: cim

Schauspieler ist er keiner. "Ne, echt nicht. Von der Schauspielerei hab' ich eigentlich null Ahnung." Dennoch flimmert sein Abbild am Sonntag bei der Berlinale über die Leinwand

Dem Weidener Marius Weber ist nämlich das passiert, wovon viele nicht mal zu träumen wagen, so eine Art kometenhafter Indie-Film-Aufstieg: erstes Casting, erster Dreh - und dann gleich Premiere auf der Berlinale. So wird der Weidener mit seiner Rolle des Musikproduzenten Mark Reeder in dem Doku-Film "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin" fast über Nacht zum Teil der Indie-Filmszene in Deutschland.

"Das war schon alles ganz schön verrückt. " Weber schüttelt den Kopf und grinst. Noch vor knapp einem Jahr passte die Bezeichnung Schauspieler so gut zu dem DJ wie eine Vinylplatte in einen Kassettenrekorder. Nämlich gar nicht. Das war einmal. Denn ein Anruf seiner Schwester Lilith aus Berlin ändert das. Bekannte von ihr hatten nach einem Mark-Reeder-Double für einen Dokumentarfilm gesucht. Sie sieht das Bild des britischen Musikproduzenten, den es darzustellen gilt, und ruft sofort bei ihrem Bruder in Weiden an.

Ohne jegliche Schauspielerfahrung, dafür mit einer Menge Abenteuerlust im Kopf nimmt sich der 27 Jahre alte Barista spontan frei und reist nach Berlin zum ersten Casting. "Chancen hatte ich mir überhaupt keine ausgerechnet. Ich hatte einfach Lust auf die Erfahrung." Bei dem Vorsprechen in der Hauptstadt müssen die Teilnehmer eine Szene mit Text auswendig lernen und die dann vor der Kamera darstellen. "Ich musste einen Versicherungstypen spielen, der einer alten Dame etwas verkaufen wollte", erzählt Marius Weber.

Der Weidener muss immer wieder auf sein Script schauen und mimt den Versicherungsmakler ungefähr so glaubwürdig wie eine Raupe einen Schmetterling: "Es war echt schlimm. Ich war total aufgeregt." Doch die Casting-Agenten glauben an den Schmetterling in der Raupe und geben dem Oberpfälzer eine zweite Chance. Sie testen sein schauspielerisches Talent sowie seine Photogenität mit einer Impro-Szene, die im Café spielt. Marius übernimmt seine gewohnte Rolle als Barista (Kaffeekünstler): "Das klappte dann super und machte unwahrscheinlich viel Spaß ."



Nach dem Casting kehrt er zurück nach Weiden. Über neun Monate vergehen. "Ich hatte die Rolle schon abgeschrieben", sagt er. Und wieder ist es ein Anruf seiner Schwester, der Marius aus dem Alltagstrott reißt: "Du hast es geschafft! Die wollen, dass du zur zweiten Runde des Castings kommst."

Hier setzt sich der bayerische DJ gegen einen Berliner Theaterspieler durch, der ebenfalls als DJ arbeitet und noch dazu den gleichen Nachnamen trägt: "Ich fand es witzig, dass wir beide als DJs auftreten und beide Weber mit Nachnamen heißen."

Der Oberpfälzer gewinnt

Der oberpfälzische Weber spielt den Berliner Weber an die Wand und holt sich die Rolle. "Das Ganze war wie ein Battle. Abwechselnd spielten wir jeweils gleiche Szenen aus dem B-Movie-Script. Der Berliner ist Theaterspieler und das merkte man. Teilweise spielte er übertrieben. Da setzte ich an, versuchte natürlich zu bleiben. Vielleicht war das der Grund, warum ich die Zusage bekam."

Um sich auf die Rolle vorzubereiten, recherchiert der Neuschauspieler im Internet über Reeder und schaut Filme in denen er mitgespielt hat: "Ich musste ja herausfinden wie er sich bewegt und wie er auftritt. All das, was auch von mir beim Dreh erwartet werden würde."

Ziemlich genau vor einem Jahr, fällt die erste Klappe für "B-Movie: Lust und Sound in West-Berlin". Zwei Drehtage sind eingeplant, letztlich werden es drei. Der Film über die Westberliner Musikszene der 80er Jahre besteht aus Archivmaterial, einem aktuellen Interview mit Mark Reeder und nachgestellten Szenen aus seinem Leben - und da kommt Marius Weber alias Leinwand-Mark-Reeder ins filmische Spiel. Text hat Marius keinen, denn Reeders Erzählungen werden als Voice-Over über die nachgestellten Szenen montiert.

Marius Weber reist einen Tag vor Drehbeginn an, damit die Ausstatter den Mark-Reeder-Look für sein Oberpfälzer Double kreieren können. Reeder ist nicht nur für seine Musik bekannt, sondern auch für sein Militaria-Faible. Seine Garderobe besteht fast ausschließlich aus alten Uniformen. "Damit wollte er noch mehr seine ablehnende, rebellische Haltung zeigen", meint Marius Weber.

Ein Drehbuch gibt es für den Schauspieler nicht. Vor jeder Szenenerklärt der Regisseur um was es geht und was er zu tun habe: "Das hat gut funktioniert. Vieles war echt nicht anspruchsvoll. Die Szene waren meist sehr kurz. Einmal bin ich in einen Club hineingestolpert, dann musste ich nachstellen, wie Reeder an der Autobahn zu trampen versucht oder nachts verbotenerweise Plakate aufhängt."

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Jetzt schon Kultfilm?

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Doch auch anspruchsvolle Szenen muss der Weidener bewältigen, zum Beispiel als Mark Reeder erfährt, dass ein Freund Suizid begangen hat. Marius Weber macht unbewusst das, was in Fachkreisen als Method Acting bekannt ist: Er zapft seine eigenen Erinnerungen und Gefühle an und überträgt diese auf seine Figur. "Das habe ich mir so ausgedacht und gemerkt, dass es echt gut funktioniert."

Am Set hat sich der Oberpfälzer wohl gefühlt: "Das war der Hammer. Die Leute waren super und als Schauspieler stehst du total im Mittelpunkt. Alle tanzen um dich herrum. Das hat so viel Spaß gemacht, da könnte ich mir schon vorstellen das öfter zu machen."

Am Sonntag, 8. Februar, feiert "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin" Premiere bei der Berlinale in der Sektion Panorama. Schon jetzt wird die Doku von einigen Berliner Medien als potenzieller Kultfilm gehandelt.

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Weitere Informationen im Internet:

http://b-movie-der-film.de/
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