Amüsanter Diskurs über die "Wahrheit"

Helmut Zierl spielt in der Komödie "Die Wahrheit" Michel, der mit der Frau seines besten Freundes ein Verhältnis hat. Durch komische Zufälle erfährt er, dass nicht nur er ein Meister der Täuschung und des Bluffs ist. Bild: Huber

Wer mit wem? Und vor allem: wie lange schon? In Florian Zellers geistreicher Komödie "Die Wahrheit" kommen diese Fragen auf, denen sich Hauptdarsteller Helmut Zierl als Michel wohl oder übel stellen muss.

Amberg.Man tut wahrscheinlich gut daran, bei der Annäherung an Florian Zellers Komödie "Die Wahrheit" zunächst einmal auf den Untertitel zu achten. "Von den Vorteilen, sie zu verschweigen, und den Nachteilen sie zu sagen", lautet der nämlich. Zeller knüpft damit direkt an seinen Landsmann Voltaire an, was er im Textbuch zum Stück auch nicht verschweigt. Voilà, hier also Voltaire im O-Ton: "Die Lüge ist eine Tugend, wenn sie es erlaubt, das Leiden zu vermeiden."

Damit ist der philosophische Rahmen von "Die Wahrheit" abgesteckt. Tatsächlich lässt sich in der kleinen Komödie durchaus so etwas wie ein philosophischer Diskurs zum Thema erkennen - verpackt freilich in eine spritzige und überaus unterhaltsame Boulevardgroteske in bester französischer Bühnentradition.

Wortgefechte der Figuren

Regisseur Peter Lotschak setzt denn auch in seiner Inszenierung für das "Eurostudio Landgraf", die am Donnerstag nun schon zum zweiten Mal im Amberger Stadttheater zu sehen war, ganz auf diesen Diskurs, sprich: auf die enorm geistreichen Dialoge Zellers. Ansonsten ist da ja auch nicht viel. In sieben nüchtern aufeinanderfolgenden Szenen entwickelt sich kaum so etwas wie Handlung. Das Ganze lebt von den Wortgefechten der vier Protagonisten.

Im Mittelpunkt steht Michel, ein, sagen wir einfach mal: moralisch recht flexibler Zeitgenosse. Er kann sich fürchterlich darüber aufregen, dass sein bester Freund Paul gefeuert wurde und nun arbeitslos ist, hat aber keine Probleme damit, seit sechs Monaten mit dessen Frau Alice ins Bett zu gehen.

Dass Paul wiederum seit 18 Monaten ein Verhältnis mit Michels Frau Laurence hat, ist für ihn, nachdem er dahinter gekommen ist, dann doch eine schwere menschliche Enttäuschung. Die Dauer des jeweiligen Ehebruchs ist in Michels Augen übrigens eine Kategorie der moralischen Bewertung: 18 Monate sind eindeutig schlimmer als sechs.

Ja, dieser Michel ist ein Schwerenöter wie aus dem Boulevard-Lehrbuch, und Helmut Zierl spielt ihn mit unverkennbarer Lust, ein bisschen blasiert, ein ganz klein wenig schmierig, immer voller Energie. Die anderen Protagonisten in diesem gar nicht so komplizierten Lügen-Beziehungs-Geflecht stehen ihm in nichts nach: Karin Boyd als eine charmant-souveräne Laurence, Caroline Kiesewetter als resolut-naive Alice und schließlich Uwe Neumann als Paul, dessen herrliche Unbedarftheit eine wunderbare Doppelbödigkeit hat.

Lügen und Treue

In dem betont reduzierten Bühnenbild von Rolf Spahn gelingt dem Quartett eine nachgerade formidable Umsetzung von Zellers Stück. Sicher, der Verlockung, dem Affen ab und an auch mal Zucker zu geben, kann vor allem Zierl nicht immer widerstehen. Dennoch: Das Subtile, Geistreiche dominiert, eingebettet in einen eleganten Bühnengang der Dinge.

Und die Quintessenz? Dass sich die Vier permanent belügen, um den anderen nicht zu verletzen, ist die eine Seite der Medaille. Ein Exkurs über Begehren und Treue die andere. Ach ja, die Wahrheit - sie ist offenbar nicht unbedingt alles im Leben!
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