Angekommen mit der Option zu gehen

Der ehemalige Stall ist mit der älteste Teil des Anwesens. Jeff Beer wusste von Anfang an, welch Potenzial in dem Raum steckt. Es vergingen aber Jahrzehnte, bis er sich entschloss, sich der Seele des Gebäudes zu nähern. Nach Jahren anspruchsvoller Arbeit ist ein Raum entstanden, der künftig nicht nur dem Künstler vorbehalten ist. Hier werden öffentliche Ausstellungen und Konzerte stattfinden.
 
Direkt an der Ortsdurchfahrt von Gumpen neben dem Feuerwehrhaus steht das Wohnhaus mit dem Glockenturm.
 
Ein ehemaliger Heuboden und die Schnitzkammer unter dem Dach sind jetzt Ausstellungsfläche, Atelier und Musikzimmer für Jeff Beer.

Jeff Beer ist gefeierter Magier auf Schlaginstrumenten, virtuos auf Klavier, Gitarre und Marimbaphon und überzeugend mit Skulptur, Malerei und Fotografie. Der international gefragte Künstler ist in der Landschaft zu Hause, die ihm so vieles gab und immer noch gibt.

In der Gegend in der Waldnaabaue bei Gumpen ist er tief verwurzelt. Seit 27 Jahren lebt er hier, auf dem Vierseithof mit der kleinen Glocke auf dem Dach, gleich neben dem Feuerwehrhaus. Rein wirtschaftlich gesehen bremst die Abgeschiedenheit eher. Da hilft auch das Internet nichts, das die großen Entfernungen zu den Metropolen virtuell stark verkürzt. "Ich habe keine ,Produkte' feilzubieten, die man einfach mal so in den Warenkorb legt und per Kreditkarte zahlt, mit 14-tägigem Widerrufsrecht. Kunst ist sensibel. Der Interessent muss die Materie sehen, sie erleben, hautnahen Kontakt haben. Spontankäufer tauchen hier eher selten auf."

Landschaft inspiriert

Auf der anderen Seite ist es speziell diese Landschaft, die den 63-Jährigen inspiriert, Ideen in seinem Kopf entstehen lässt und enorme Kräfte mobilisiert. Dabei ist er von Natur aus gar nicht der Sesshafte, eher der Nomade, der immer weiter muss. Im Sieben-Jahres-Rhythmus hat er dieses Dasein lange Zeit auch gelebt. Würzburg, Paris und New York waren Orte, an denen er sich wohlfühlte.

Die Liebe zur kleinen Ortschaft mit der ganz besonderen Landschaft kam schon sehr früh während des Studiums. Oft besuchte er seine Mutter in Mitterteich, erkundete mit seinem altersschwachen blauen Daimler-Bus die Gegend und entdeckte dabei sein späteres Zuhause.


Nach zehn Jahren extremer Intellektualität und dem Studium von drei Hauptfächern parallel, standen die Abschlussarbeiten zu den Staatsexamina an. Die verlangten eine große Orchesterpartitur, ein ebenso großes Chorstück und eine große Theoriearbeit, die einer Jury vortragen werden musste. Da bat Beer seinen "Prof" um ein viertel Jahr Urlaub, um sein "Examen im Wald" zu machen.

"Ich erlebte hier immer ganz andere Energien und Emotionen, die sehr tief gingen. Das war viel mehr als pures Auftanken", sagt der Künstler. "Schon ganz früh erahnte ich, hier ist meine innere Heimat. Das hatte aber nichts mit der äußeren Landschaft zu tun. Ich spürte, hier ist etwas, was etwas mit mir macht, was mir gut tut." Deshalb kam er 1981 für drei Monate nach Gumpen. 29 Jahre war er damals, mietete sich ein Zimmer, ganz spartanisch ausgestattet, ging quasi in Klausur. Ein Tisch, ein Stuhl, eine Schreibmaschine, eine Matratze und ein geliehenes Klavier. Mehr war da nicht. "Von Anfang an hat alles geflutscht und ich konnte meine Arbeiten in kürzester Zeit zum Abschluss bringen. Ich bin mir sicher, dass das alles nur hier möglich geworden ist. Es war ein gewichtiges Paket entstanden, ich hatte was zu sagen, war stark, gesättigt mit guten Sachen. Das war ausschlaggebend dafür, dass ich damals schon wusste, hierher kehre ich auf jeden Fall zurück."

Troglauer Mühle

Anfangs mietete sich Jeff in der Villa bei der Troglauer Mühle ein. Zwei Etagen bewohnte er, zeichnete viel und machte die ersten Erfahrungen mit Skulptur. Damals in Holz und Gips. Zu der Zeit hat er viel geschrieben und sich sporadisch mit Fotografie beschäftigt.

Ein Stipendium nach Paris änderte alles. Aus einem halben Jahr wurde ein ganzes. "Im Herzen von Paris lebte ich wie Gott in Frankreich. Ich arbeitete wie ein Verrückter. Die Stadt heizte mich richtig an. In der Hauptsache ging es in der Seine-Metropole um Malerei. Kam ich mit einem weinenden Auge her, ging ich jetzt mit einem solchen und einem Koffer voller Bilder und Skizzenbücher zurück." Wie aus heiterem Himmel kam die Einladung für zwei Konzerte in New York anlässlich der 100-Jahrfeier der Brooklyn-Bridge. Aus zwei Abenden wurden vier Monate. "Einem Fehler, der der Botschaft in München widerfuhr, hatte er es zu verdanken, dass er eine Arbeitserlaubnis hatte. "Ich kam schnell auf den Geschmack. Ich bekam interessante Jobs als Klavierbegleiter für Modern Dance Companies."

Skulptur wartete zu Hause

Jeff Beer war ziemlich begehrt, kam ganz schön rum und war sogar Stuff Member der Columbia University. Er verdiente richtig gut, bekam immer mehr Angebote, zum Beispiel am Hunter College. "Die waren alle traurig als ich wieder ging. Aber ich musste, ich platzte fast vor Tatendrang, hatte jede Menge Entwürfe im Gepäck und wusste: Zu Hause wartet die Skulptur auf mich."


Im jetzigen Domizil mietete Jeff zunächst einen ehemaligen Stadel und baute ihn zur Werkstatt um. 1988 zog er, bereits mit Familie, ganz in den ehemaligen Bauernhof um, den er 1991 schließlich kaufte. Lebensgefährtin Christine hatte in Wien studiert und zog mit ihrem Sohn Johann und der gemeinsamen Tochter Marie Theresa mit ein. Kam Marie Theresa in Wien zur Welt, ist ihre jüngere Schwester Raphaela in Gumpen geboren. Die Beziehung zerbrach und seit 1996 lebt Jeff Beer alleine mit seinen Töchtern auf dem Anwesen. Zwölf Jahre war er alleinerziehender Vater.

Gewaltige Sanierung

Seit 2007 ist er wieder intensiv damit beschäftigt weitere Teile des Hauses von Grund auf zu sanieren. Aus dem alten Stall mit wunderschönem Gewölbe entstand eine Galerie, die jederzeit auch als Konzertraum genutzt werden kann. Heuböden und eine ehemalige Schnitzkammer wurden mächtig aufgepeppt und bieten jetzt Möglichkeiten für Präsentationen und Musikprojekte.

In einem Wandelgang, der den offenen Hof mit der Werkstatt verbindet, entstand ein Bereich, der es erlaubt großformatige Skulpturen zu präsentieren. Seit 27 Jahren lebt Jeff Beer jetzt hier und hat ein wahres Schmuckstück aus dem Hof gemacht - ein, wie könnte es anders sein - Kunstwerk eben. Trotzdem steckt in ihm immer noch der Nomade, denkt er keineswegs an Rente oder sich zur Ruhe zu setzten. "Käme heute ein Sammler und sagte, so eine Örtlichkeit habe ich in Südfrankreich auch, dort könntest Du arbeiten - ich glaube, ich wäre da schon empfänglich."

30 Jahre Eisenzeit

"1985 war das erste Eisenjahr. Da bin ich schnell in diese Art der Skulptur hineingekommen, das hat richtig gut funktioniert." Das ist 30 Jahre her. Die "Sich Kämmende" war eine der ersten Eisenplastiken, die seither in einer New Yorker Sammlung zu bewundern ist. Danach war die Tür offen. Zur 850-Jahrfeier Mitterteich stellte er in seiner Geburtsstadt die Eisenplastiken aus und ließ einen Katalog fertigen. Das war sein Durchbruch in der Bildenden Kunst.


Beer schickte den Katalog an alle deutschen Galerien, adressierte die Umschläge zuerst an die renommierten. "Ich dachte, die nehmen mich ohnehin nicht, vielleicht lande ich irgendwo im Mittelfeld." Es waren noch keine zehn verschickt als eine der allerbesten Galerien, "Folker Skulima" in Berlin, Interesse bekundete. Mittlerweile sind viele Eisenplastiken von Jeff Beer international in angesehen Galerien zu finden.

Zum 30. Geburtstag der Eisenplastik von Jeff Beer präsentiert die Galerie Carola Insinger bei Regensburg noch bis 1. November eine repräsentative Auswahl seiner Arbeiten. Anschließend wandert die Jubiläumsausstellung in die eigene Galerie nach Gumpen und kann im November und Dezember dort besichtigt werden. Darunter auch vier Arbeiten, die die Galerie Steve Schlesinger aus New York als Leihgaben zur Verfügung stellt.
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