Angst vor Kannibalen

Die Eingeborenen - hier auf der Südsee-Insel Rabaul - ließen sich zumeist gerne mit den Matrosen von der Gneisenau fotografieren.

Georg Zach fuhr als Heizer auf dem Panzerkreuzer Gneisenau und wäre normalerweise am 8. Dezember 1914 mit ihm untergegangen. Doch es ist nichts normal an Zachs Geschichte, weder die Reise durch die Südsee noch die fünf Jahre als Kriegsgefangener in Japan und schon gar nicht die vielen Bilder, die es davon gibt.

Außergewöhnlich ist zudem, dass selbst Zachs Familie nichts davon wusste. "Der Opa hat nichts darüber erzählt", sagt Alfred Zach (66). Lange Zeit kannte er nur ein Bild, das seinen Großvater als Reservisten in Uniform zeigt. Erst 1994 entdeckte Alfred Zach beim Umbau des Hauses die Seekiste von der Gneisenau auf dem Dachboden. Zwei Fotoalben mit rund 300 Bildern lagen darin und einige andere Utensilien vom Schiff oder aus der Gefangenschaft. Irgendwann zeigte Zach das alles dem Hirschauer Stadtheimatpfleger Sepp Strobl. Der war fasziniert, recherchierte weiter und trug viele zusätzliche Fakten zusammen. Heraus kam diese Geschichte:

Der Schnaittenbacher Georg Zach ist 19 Jahre alt, als er sich Ende 1912 als "vierjährig Freiwilliger" zur kaiserlichen Marine meldet. Diese Aktion trägt Züge einer Flucht aus der Heimat. Zach ist Schlosserlehrling im Kaolinwerk Rasel, legt aber seine Gesellenprüfung nicht mehr ab. "1911 war seine Mutter gestorben, und mit der zweiten Frau seines Vaters hat er sich wohl nicht verstanden", weiß sein Enkel.

Aber dass es gleich die Marine sein muss? "Er wollte was sehen von der Welt", sagt Sepp Strobl, der sich mit der Person von Georg Zach lange beschäftigt hat. "Er wollte ganz weit weg." Von der Entfernung her hat er das Maximum erreicht, die andere Seite der Weltkugel. Denn nach der Grundausbildung in Wilhelmshaven geht es im Frühjahr 1913 nach Tsingtau. Die kleine deutsche Kolonie auf dem chinesischen Festland ist die Heimat des ostasiatischen Kreuzergeschwaders der kaiserlichen Marine. Zach wird Heizer auf der Gneisenau, einem Kriegsschiff mit fast 800 Mann Besatzung.

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Im Juni geht er mit ihr auf die erste große Reise. Bis auf die Höhe von Neuguinea führt die Inspektionsfahrt durch die deutschen Inselkolonien in der Südsee, die auch mal so malerische Namen wie "Neu-Mecklenburg" oder "Bismarck-Archipel" tragen. Die Eingeborenen freuen sich laut dem Reisebericht der Gneisenau meist über den Besuch, lassen sich gerne mit den Matrosen fotografieren. Nur auf den Salomonen sind die Deutschen vorsichtig. Dort sollen die Einwohner recht kriegerisch sein und "im Norden der Insel dem Kannibalismus huldigen". Georg Zach übersteht aber alles unbeschadet. Selbstverständlich ist das nicht: Der Leutnant zur See Maximilian Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich stirbt auf der Insel Pagan an einem Hitzschlag.

Zach dagegen kann auch die nächste Reise 1914 durch das Südchinesische Meer nichts anhaben. Sie führt bis nach Sumatra. Sein Seemannsglück wendet sich - scheinbar - erst auf der dritten Reise ab dem 20. Juni 1914. Die geht weiter nach Osten als die bisherigen, nach Ponape, einer Insel der "deutschen Marianen". Dort passiert Zach ein schwerer Unfall. Was es genau war, kann sein Enkel nicht sagen: "Aber er musste zweimal operiert werden." Die Bilder der Gewichthebermannschaft in der Gefangenschaft zeigen Zach immer mit einem großen Loch im rechten Oberschenkel. Wegen einer Kleinigkeit wäre er sicher nicht ins Landhospital Ponape ausgeschifft worden. Der andere Matrose, dem dieses Schicksal auf Ponape widerfährt, Julius Lührs, war vom Mast gefallen und hatte eine schwere Gehirnverletzung.

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In den Untergang

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An Bord bleiben können die beiden nicht, denn vor Ponape erfährt das Kreuzergeschwader Graf Spee, mit dem die Gneisenau unterwegs ist, vom Kriegsausbruch in Europa. Die Kapitäne beschließen, über die Südspitze von Südamerika nach Hause zurückzukehren. Am 7. August verlassen sie Ponape. Die Gneisenau fährt ihrem Untergang entgegen - das Schicksal ereilt sie am 8. Dezember bei der Seeschlacht vor den Falklandinseln (siehe "Das Ende der Gneisenau").

"Als Heizer ganz unten im Schiffsbauch hätte Georg Zach sicher keine Chance gehabt, das zu überleben", sagt Sepp Strobl. Doch der Schnaittenbacher ist zu diesem Zeitpunkt schon in Tokio. Am 21. Oktober - vor ziemlich genau 100 Jahren - hat sich Ponape mitsamt seinem Lazarett kampflos der japanischen Marine ergeben. Die Soldaten des Tenno nehmen in ganz Ostasien etwa 4400 Deutsche gefangen oder internieren sie.

Zach kommt zunächst in das Lager Asakusa auf einem Tempelgelände, im September 1915 dann in das neue Barackenlager Narashino, 30 Kilometer nordöstlich von Tokio. Es fasst rund 700 Leute. Dessen Leiter, Oberstleutnant Saigo, hatte 13 Jahre in Deutschland gelebt und dort das Militärwesen studiert. Er hat meist nichts dagegen, wenn die Gefangenen, die (mit Verspätung) Zeitungen aus Europa bekommen, deutsche Siege bejubeln oder zum Kaisergeburtstag ihre Hymnen singen. An Weihnachten soll Saigo den Deutschen sogar Torten spendiert haben.

Überhaupt geht es in diesem Gefangenenlager anders zu als in denen auf dem europäischen Kriegsschauplatz. Die Deutschen schlafen in Narashino auf Strohmatratzen, haben in ihren Unterkünften Platz für Tische und Stühle, dürfen ein Handwerk ausüben, Tiere, Gemüse und Blumen züchten, für sich selbst backen und kochen (unter anderem Schweinebraten!), Sport treiben. Das mit einem Graben und Stacheldraht umgebene Lager hat einen Fußball- und einen Turnplatz.

"Für die Offiziere ist ein Tennisplatz vorhanden, den sie sich aus eigenen Mitteln haben errichten lassen", berichtet 1916 Sumner Welles, ein Mitarbeiter der US-Botschaft in Tokio. Eigene Mittel? Ja, denn laut einem anderen Bericht hatten die deutschen Gefangenen nach der Haager Landkriegsordnung Anspruch auf denselben Sold wie japanische Soldaten. Sie können sich in der Kantine gute Waren kaufen oder auch außerhalb des Lagers bestellen.

Die Postverbindung nach Deutschland funktioniert leidlich, und sogar die berühmten Pakete mit den "Liebesgaben" aus der Heimat gelangen ins Lager. Die Offiziere geben Unterricht in Sprachen oder in Mathematik. "Von Freunden aus Tokio war eine große Anzahl Bücher eingetroffen", schreibt Welles, dem der ranghöchste deutsche Offizier bescheinigt, es gebe hier für die Deutschen keinen Grund zur Klage. Einen vielleicht doch: Die Zeit wird ihnen trotz aller Beschäftigungsmöglichkeiten unendlich lang. "Der Opa hat niemals gedacht, dass er wieder heimkommt", kann sich Alfred Zach noch erinnern. Selbst das Kriegsende im November 1918 ändert für die Gefangenen erst einmal nichts. Japan unterzeichnet den Friedensvertrag mit Verzögerung, und es ist unklar, wer den Heimtransport der Gefangenen bezahlen soll. So dauert es bis 27. Dezember 1919, ehe Georg Zach und 571 Kameraden auf dem Dampfer Kifuku Maru in See stechen.

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Erst 1922 wieder daheim

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Am 28. Februar 1920 erreichen sie Wilhelmshaven, von wo aus Zach sieben Jahre vorher aufgebrochen war. Nach Schnaittenbach allerdings zieht es ihn immer noch nicht. Er wohnt einige Zeit in Bochum bei Ludwig Koke, einem Kameraden aus der Gefangenschaft. Im März 1921 bittet er die Handwerkskammer Dortmund, ihn zur Gesellenprüfung zuzulassen. Da arbeitet er auf einer "Eisenbahnbetriebswerkstätte" als Schlosser.

1922 ist Georg Zach dann doch zurück in der Heimat. Er bekommt eine Stelle als Maschinist im Kesselhaus der Amberger Kaolinwerke, heiratet später und baut sich 1935 in Hirschau ein Haus. Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Georg Zachs Sohn Alfred (!) geht 1943 mit 18 Jahren ebenfalls zur Kriegsmarine. Er dient 1945 auf dem U-Boot-Begleitschiff Weichsel, das in Gotenhafen liegt - unweit davon geht am 30. Januar 1945 die Wilhelm Gustloff unter; über 9000 Menschen sterben. Alfred Zach gerät zum Kriegsende in Gefangenschaft, überlebt aber. Schon seltsam, wie die Familiengeschichte der Zachs mit zwei der opferreichsten Schiffsuntergänge der deutschen Geschichte verwoben ist.
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