Armut und Einsamkeit

Das Calefactorium war - neben der Küche - der einzige beheizte Raum im Kloster. In der kleinen Nische (links) neben dem offenen Kamin wurde die Schreibtinte hineingestellt, damit sie im Winter nicht einfriert.

Und zwar einer, der mit Wasserkraft angetrieben wird. Um 1220 erfinden ihn Mönche im burgundischen Zisterzienserkloster Fontenay. Von dort aus tritt das Werkzeug seinen Siegeszug nach ganz Europa an und läutet die industrielle Eisenherstellung ein. Doch das Kloster hat noch viel mehr zu bieten.

Die Abtei von Fontenay, im Norden Burgunds gelegen, gehört nicht nur zum Weltkulturerbe der Unesco, sondern zählt auch zu den Meisterwerken der Zisterzienserbaukunst. Bevor es aber dazu kam, hatten die Mönche jede Menge Arbeit zu leisten. Die Abtei wurde 1118 von Bernhard von Clairvaux (siehe Kasten) gegründet und zählt mit zu den ältesten Abteien des Ordens. 1147 weiht Papst Eugen III. die Kirche. Seit dem hat sich das Aussehen des Klosters kaum mehr verändert.

___ ___

Um ihrer Philosophie von "Ora et Labora" (Bete und arbeite) gerecht zu werden, suchen sich die Ordensmänner, die in Armut und Einsamkeit leben sollten, für ihre Klöster Orte aus, an denen sie Abgeschiedenheit, Stille, aber auch Holz und Wasser vorfinden. Wenige Kilometer von dem Ort Montbard entfernt, werden sie fündig. Vor dem Bau ihrer Gebäude müssen sie zuerst das Sumpfgelände trockenlegen. Der Name Fontenay stammt aus dem lateinischen "Fontenatum", was soviel wie "die auf den Quellen schwimmt" bedeutet.

Betritt man heute den Klosterkomplex durch die Pforte, ist man von der Größe der Anlage schlicht überwältigt. Die gepflegte Parkanlage mit den weit verteilten Gebäuden tut ein übriges dazu. Noch immer empfindet man die Anlage als einen Ort der Ruhe und vor allem der Inspiration.

Auch die Mönche scheinen sich dort wohl gefühlt zu haben: In der Blütezeit des Klosters im 15. Jahrhundert leben dort über 200 Mönche, darunter auch viele Laienbrüder. Das angrenzende Klostergut bringt den Ordensleuten mit Ackerbau und Viehzucht sehr großen Reichtum.

Hinzu kommt die Erfindung des Eisenhammers: Zunächst baut man im 12. Jahrhundert auf dem Klostergelände eine Mühle, die mit dem umgeleiteten Wasser des Flusses von Fontenay betrieben wird. Da die Mönche in der Nähe des Klosters Eisenerz entdecken und abbauen, wird die Mühle im 13. Jahrhundert zur Schmiede umgestaltet. Von da an wird das Eisen nicht durch Muskel-, sondern Wasserkraft geschmiedet. Der hydraulische Hammer wurde 2008 in einem europäischen Projekt, an dem sieben Technik-Schulen beteiligt waren, rekonstruiert. Mit diesem Hammer wird die Klosterschmiede zur ersten metallurgischen Fabrik in Europa und die Erfindung bildet den Grundstock zur industriellen Eisenherstellung. Der Siegeszug des Hammers ist von da an nicht mehr aufzuhalten und findet vielleicht dadurch auch seinen Weg in die Oberpfalz, die auch das "Ruhrgebiet des Mittelalters" genannt wird.

___

Niedergang und Rückzug

___

Im 16. Jahrhundert beginnt der Niedergang des Klosters. Die Äbte werden nicht mehr durch die Mönche bestimmt, sondern durch die Gunst des König ernannt. Die ersten Mönche verlassen den beschaulichen Ort, die Religionskriege beschleunigen den weiteren Rückzug. Im 17. Jahrhundert leben nur noch 22 Mönche in Fontenay, zur Zeit der Französischen Revolution sind es acht. 1791 verlassen die letzten Glaubensbrüder die Anlage.

Das Schicksal der Gebäude scheint besiegelt: Die Abtei wird aufgelöst und als Nationalbesitz verkauft. Doch Rettung naht: Elie de Montgolfier, ein Nachfahre des Heißluftballon-Erfinders, kauft 1820 die Anlage - und macht eine Papierfabrik daraus. Dadurch rettet er das historische Kloster.

Durch die Abgeschiedenheit des Klosters (lange An- und Abfahrtswege) und wachsende Konkurrenz muss die Fabrik 1903 geschlossen werden. Doch Edouard Aynard, Bankier und Kunstliebhaber, kauft seinem Schwiegervater Raymond de Montgolfier die Abtei wieder ab.

Sein Ziel ist es, Fontenay zu restaurieren. Ohne Architekten beginnt er mit der Arbeit, entfernt die nicht zum ursprünglichen Kloster gehörenden Gebäude, reißt Zwischendecken ab und Mauern ein. Seit fünf Generationen arbeitet jetzt die Familie Aynard an der Restaurierung. Und sie hat sich gelohnt: 1981 wird die Abtei von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt und befindet sich noch immer in Familienbesitz. Teile der Anlage werden von den Aynards noch immer bewohnt.

___

"Was ist Gott?"

___

Die Klostergebäude werden von neu angelegten Gärten schön in Szene gesetzt. Die gepflegten Grünanlagen erstrecken sich auf über 200 Hektar und erhielten 2004 die Auszeichnung "Jardin Remarquable". Im Sommer dient die Abtei als Aufführungsort für Konzerte und Theaterstücke. Jean-Paul Rappeneau drehte hier Szenen für seinen Film "Cyrano de Bergerac" mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle.

Auch wenn über 100 000 Menschen jedes Jahr die klösterlichen Anlagen besuchen, strahlt der Ort noch immer eine spirituelle Kraft aus. Hinter der einfach und schlicht erscheinenden Architektur verstecken sich klare Grundrisse und Strenge. Kein Geschnörksel oder überflüssige Verzierungen sollen die Mönche ablenken: Ihr Leben und Arbeiten sollte streng einem Leben für Gott ausgerichtet sein.

"Was ist Gott? Gott ist Länge, Breite, Höhe und Tiefe." Mit dieser Aussage hat der Ordensgründer Bernhard von Clairvaux die Direktive für Baukunst und Klosterleben klar vorgeben. Diese einfache, aber tiefe Geisteshaltung ist in Fontenay heute noch deutlich spürbar.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)August 2015 (7425)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.