Auch nach 50 Jahren ist das schwere Grubenunglück unvergessen
Das Wunder von Lengede

Der verschlossene Rettungsschacht der Grube "Mathilde" auf dem Gelände der Gedenkstätte.
Lokales
Deutschland und die Welt
21.10.2013
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Zahlreiche Helfer stehen am 7. November 1963 während der dramatischsten Rettungsaktion in der Geschichte des deutschen Bergbaus neben der Bohrstelle im niedersächsischen Lengede. 129 Männer wurden am 24. Oktober 1963 im Schacht Mathilde von 500 000 Kubikmetern Wasser und Schlamm überrascht.
Die Rettung von drei totgeglaubten Kumpeln acht Tage nach dem Bruch eines Klärteichs gilt als Sensation. Doch das "Wunder von Lengede" geschieht erst eine Woche später: Am 7. November werden noch elf Verschüttete gerettet. Zwei Wochen lang haben sie in 50 Metern Tiefe überlebt, erleiden Todesängste, ehe die nicht mehr für möglich gehaltene Rettung kommt.

Vor 50 Jahren, am 24. Oktober 1963, wurden beim Bruch eines Klärteichs in einer Eisenerzgrube im niedersächsischen Lengede 129 Bergleute verschüttet. 500 000 Kubikmeter Wasser und Schlamm strömten in den Schacht "Mathilde". 79 Männer können sich noch am selben Tag retten, 7 am nächsten Tag, 29 Männer kommen ums Leben.

Adolf Herbst, damals der Jüngste, gehörte zu den elf Überlebenden, die zwei Wochen lang eingeschlossen waren. Schnell hatten die Bergmänner die Hoffnung verloren. "Das Wasser stieg immer weiter. Ich habe gesagt: "Jetzt rauchen wir noch eine Zigarette, und das war's dann wohl.", erinnert sich der 70-Jährige. Doch dann konnte sich Herbst mit 20 anderen in den stillgelegten Stollen "Alter Mann" flüchten.

Hunger und Todesangst

Eingeschlossen in einem etwa fünf Meter langen und drei Meter breiten Hohlraum litt er dort unter Hunger, Dunkelheit und Ungewissheit und hatte Todesangst. Denn der "Alte Mann" war nicht sicher. Die Stützbalken waren schon entfernt, der Stollen sollte einstürzen. Das Gestein war ständig in Bewegung, zehn Bergleute wurden davon erschlagen. Ihre Leichen blieben unter Tage. Elektromonteur Herbst hätte zum Unglückszeitpunkt eigentlich schon wieder über Tage sein können. Doch er hatte extra eine Doppelschicht eingelegt, um am nächsten Tag seine Verlobung vorzubereiten.

Karl-Hans Schnell erlebte das Unglück als evangelischer Pastor vor Ort. "In den Fabriken standen die Maschinen still, die Leute standen vor den Radios", erzählt der 82-Jährige. "Diese Ohnmacht war furchtbar, wir konnten nichts tun, außer da zu sein."

Der Ohnmacht folgte die Hoffnungslosigkeit: Für den 4. November 1963 war eine Trauerfeier geplant, auf der Totenliste standen auch die Namen der elf eingeschlossenen Männer. Doch am Tag zuvor, zehn Tage nach dem Teichbruch, deutet sich das Wunder an: Aus 50 Metern Tiefe sind Klopfzeichen zu hören. Durch ein 42 Millimeter großes Bohrloch lassen die Rettungskräfte an einem Bindfaden eine kleine Taschenlampe und einen Zettel in die Tiefe.

Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) kommt nach Lengede, um den Männern über ein Mikrofon Mut zuzusprechen. Durch das Bohrloch werden die Überlebenden mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt, bis sie bei strahlendem Sonnenschein am 7. November unversehrt mit einer Rettungskapsel aus der Erde geholt werden.

Die ganze Welt hatte während der 14 Tage im Herbst 1963 den Atem angehalten: 449 Reporter waren nach Lengede gekommen. Erstmals in der deutschen Fernsehgeschichte wurde "live" über eine Katastrophe berichtet. Vor zehn Jahren konnten viele Menschen die dramatischen Tage nachempfinden: Sat.1 zeigte "Das Wunder von Lengede" in einem Zweiteiler.

"Das Unglück ist immer noch stark im Bewusstsein der Menschen", sagt Lengedes Bürgermeister Hans-Hermann Baas. Als Schuljunge hatte er damals am Rande des Hüttengeländes gestanden und die dramatische Rettungsaktion verfolgt. "Jeder hier ist betroffen, jeder hat einen Verwandten, einen Freund oder einen Nachbarn verloren."

Zweiter Geburtstag

Im Rathaus von Lengede erinnert eine Ausstellung an das Unglück. Gezeigt wird unter anderem das Mikrofon, mit dem damals Kontakt zu den Verschütteten aufgenommen wurde. Adolf Herbst braucht nicht viel, um sich zu erinnern. Jedes Jahr am 7. November zündet er eine Kerze auf einer Bohrkrone an, die genauso groß ist wie die der rettenden Bohrung. "Das zweite Leben hatte damals begonnen. Einmal im Jahr habe ich meinen zweiten Geburtstag" - in diesem Jahr zum 50. Mal.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.lengede.de
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