Auch ohne Beine: Immer weiter

Daniel Scheil ist zurück von der WM in Doha. Nun schaut er nach vorne nach Rio. Bild: Götz
 
Bronze macht nicht satt: Der Medaillenhunger bei Daniel Scheil ist immer noch groß.

Hinterwandinfarkt mit 35: Für Daniel Scheil begann vor sieben Jahren so ein Leidensweg, den viele nicht durchgestanden hätten. Scheil selbst ist heute Europameister, Weltrekordler und Medaillenanwärter bei den Paralympics 2016.

(wüw) Ohne Vorwarnung sackte er einfach zusammen. Daniel Scheil kann sich noch erinnern, dass er beim Bäcker am Tresen stand und der Verkäuferin das Geld geben wollte. Die Erinnerung setzt dann erst einen Monat später wieder ein, so lange lag Scheil im Koma. Als er aufwachte, war das alte Leben vorbei. "Wegen des Herzstillstands war mein Hirn zu lange ohne Sauerstoff", sagt der heute 42-Jährige. Folge war eine spastische Tetraparese, er kann Arme und Beine nicht mehr voll nutzen. Die Krankheit verschlechterte sich weiter, seit 2010 sitzt Scheil im Rollstuhl.

Blutzucker über 1000

Für ihn geriet das fast zur Nebensache, nach dem Infarkt versagte der gesamte Körper den Dienst. "Es ist nicht klar, welche Krankheit welche anderen auslöste." Fest steht, dass die Bauchspeicheldrüse nicht mehr richtig arbeitete. Scheils Blutzuckerwerte spielten verrückt. "Das Messgerät zeigte nur Error an", erinnert sich Scheil an eine Zuckeruntersuchung im Krankenhaus. Das Gerät konnte nur einen Wert bis 500 anzeigen, erst das Labor stellte fest, dass der Wert über 1000 lag, normal sind knapp unter 100. Insgesamt 16 verschiedene Diagnosen präsentierten die Ärzte. Seine damalige Frau bereiteten sie darauf vor, dass ihr Mann wohl nicht mehr nach Hause kommen wird.

Scheil hatte nie besonders ungesund gelebt. In seiner Jugend stand er kurz vor einer Sportkarriere. Das war in der DDR, aufgewachsen ist Scheil in der Nähe von Freiberg in Sachsen. Das Sichtungssystem hatte das Fußballtalent erkannt und ihn nach Chemnitz ins Sportinternat geschickt. Scheil kickte für den Nachwuchs von Chemnitz und Aue. "Wir bestritten vor vollem Stadion die Vorspiele für die Oberliga-Mannschaften." Kurz vor dem Schritt in die höchste DDR-Klasse kamen Verletzungen - und die Wende. In der turbulenten Zeit zog er 1991 in die Oberpfalz, er hatte eine Stelle als Mechaniker gefunden. Der Sport wurde zum Hobby. "Ich habe einige Jahre für SVSW Kemnath gespielt." Dann sei der Sport in den Hintergrund getreten, spätestens als Scheil mit seiner damaligen Frau zu bauen begann. Gerade als das - nicht behindertengerechte - Haus in Altensteinreuth stand, fiel Scheil in der Bäckerei in Tirschenreuth.

Als er die Behandlung im Krankenhaus hinter sich hatte, wurde das neue Haus zu seinem Gefängnis. "Mit der Behinderung hat man auf dem Land nicht viele Möglichkeiten", erinnert sich Scheil. Dazu kam die Depression, die erste Zeit nach dem Unfall war er völlig resigniert. "Das hat mindestens ein Jahr gedauert." Wie er sich aus diesem Tal gekämpft hat, kann er so genau selbst nicht sagen. "Ich hab mir irgendwann gedacht, dass es das noch nicht gewesen sein kann." Im Internet sucht er Möglichkeiten für ein Leben danach. Dabei sei ihm Birgit Kober aufgefallen. Per Mail kontaktierte er die Doppel-Paralympics-Siegerin. Sie habe ihn mit Informationen zum Behindertensport versorgt und seine Begeisterung für die Wurfdisziplinen geweckt. "Ich bin relativ kräftig, deshalb war schnell klar, dass ein Rennrollstuhl für mich nichts ist."

Mit einem neuen Ziel sei es psychisch aufwärts gegangen. Beim Behinderten- und Vitalsportverein Weiden fand Scheil Gleichgesinnte und Unterstützung. Um Trainer Teddy Österreicher hatte sich eine Gruppe Behinderter versammelt, die sich nicht nur bewegen, sondern Wettkampfsport betreiben wollte. Später kam mit Christian Balke ein erfahrener Trainer dazu, der sich auf die besondere Situation einließ. Nun ging es schnell: 2010 begann Scheil ernsthaft mit dem Training, 2011 startete er erstmals bei der Deutschen Meisterschaft, 2012 siegte er dort. 2014 folgten die Titel im Speer- und Diskuswerfen bei der Europameisterschaft. Vor wenigen Wochen gewann er Kugelstoß-Bronze bei der WM in Doha.

Aufwendig und teuer

So einfach, wie es klingt, war der Durchmarsch aber nicht. "Anfangs hatte mein Training wenig mit Sport zu tun." Die Koordination war anfangs so eingeschränkt, dass er kaum auf dem Wurfstuhl sitzen konnte. Dazu musste er seine Wettkämpfe selbst organisieren, sich darum kümmern, dass er in eine Behindertenklasse eingruppiert wurde. Das war teuer und aufwendig. "Schon einen Flug zu buchen, ist für Rollstuhlfahrer unglaublich kompliziert. Ich bin oft stundenlang vor dem Computer gesessen. Ein Nichtbehinderter braucht ein paar Minuten." Immer wieder habe er sich gefragt, ob er das alles schaffen kann. "Aber nichts zu machen, war keine Alternative. Und wenn ich mir etwas vornehme, bin ich stur." Das beweisen auch die 40 Kilogramm, die er in den vergangenen zehn Monaten abgenommen hat. Das zusätzliche Gewicht habe sich durch die Medikamente angehäuft, die er bis heute für sein Herz und gegen viele andere Krankheiten und Beschwerden nehmen muss. Der Diäterfolg ist deshalb besonders bemerkenswert, weil Scheil sich kaum bewegen, auf diesem Weg also kein Gewicht verlieren kann. "Ich hab sehr auf meine Ernährung geachtet."

Am Olympiastützpunkt

Aber nicht nur Scheil ist heute leichter, auch die Organisation seines Lebens: Als Kadermitglied muss er sich um viele Formalitäten nicht mehr kümmern, die Reisen verbucht heute meist der Verband. In Chemnitz kann er am Olympiastützpunkt trainieren. Dennoch: Frei von Diskriminierung sei sein Leben längst nicht. Dass er finanziell schlechter gestellt ist als nichtbehinderte Sportler, sei nicht das Schlimmste: "Am meisten ärgert mich, wenn meine Leistung nicht anerkannt wird." Er betreibe denselben Aufwand wie normale Sportler. "Ich trainiere sechsmal in der Woche, meistens zweimal am Tag." Er muss für Dopingkontrollen jederzeit zur Verfügung stehen.

Jammern will er darüber nicht, auch nicht darüber, dass seine starken Disziplinen Diskus und Speer bei den Paralympics in Rio nicht auf dem Wettkampfplan stehen. Dann soll es eben im Kugelstoßen klappen. Eine Medaille ist das Ziel. "Das ist realistisch." Danach soll es noch lange mit dem Sport weitergehen, um seinem Leben einen Sinn und anderen Menschen ein gutes Beispiel zu geben: Auch wenn es schlecht steht: "Es geht immer weiter."
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