Aus dem Orient

Bei vielen Reisezielen reicht ein einmaliger Besuch. Doch es gibt Orte, die schon beim ersten Aufenthalt den Wunsch wecken, bald wiederzukommen. Dazu gehört für uns das Städtchen Le-Puy-en-Velay im französischen Zentralmassiv, weit ab von den großen Touristik-Regionen unseres Nachbarlandes.

Schon die Ankunft ist spektakulär. Denn die Straße aus Clermont-Ferrand bietet am Stadtrand von Le Puy einen einzigartigen Panorama-Blick auf die 20 000-Einwohner-Stadt. Denn die hat es mit ihren drei steilen Basalt-Zinnen sozusagen auf die Spitze getrieben. Alle drei Fels-Nadeln sind mit religiösen Bauwerken gekrönt, die sofort den Wunsch nach einer Besichtigung in luftiger Höhe wecken. Wir sind uns aber auch schon einig, dass wir auf diesem Ankunftspunkt auch von Le Puy Abschied nehmen werden - mit einem "gefundenen" Bast-Steinchen in der Tasche, der uns ans Wiederkommen erinnern soll.

Die stärkste Anziehungskraft übt die Kathedrale Notre Dame du Puy aus, obwohl sie nicht ganz so hoch aufragt wie ihre zwei "Konkurentinnen". Dennoch ist der Aufstieg aus der Altstadt hinauf zu dem romanischen Gotteshaus im doppelten Sinne atemberaubend. Zum einen folgt man den Spuren der Jakobspilger, deren Weg hier vor Jahrhunderten schon als Via podensis begonnen hat. Zum anderen kommt man unterwegs mit Steinmetz-Künstlern, Spitzenklöpplern und Verkäufern im "Haus der grünen Linsen von Le Puy" ins Gespräch.

___ ___

Steht man dann vor dem mächtigen Bauwerk, beeindrucken vor allem die Fassade mit ihrem Lava-Schmuck in den Farben Rot, Ocker und Schwarz, die an Byzanz und die islamische Kunst denken lassen. Das riesig wirkende Kircheninnere lenkt den Blick von der Kunst zum Glauben. Ihn verkörpert besonders die am Hochaltar thronende goldschimmernde Muttergottes-Statue. Völlig überraschend lugt nur der Kopf des Jesuskindes in Bauchhöhe aus dem geöffneten goldenen Mantel. Beide haben schwarz schimmernde Gesichter - wie viele andere Marienfiguren in der Auvergrne auch. Diese Darstellungsform sollen Kreuzfahrer aus dem Orient mitgebracht haben. Auf dem Abstieg berichten uns Pilger von halbleeren Dörfern im "tiefen Frankreich", wo es die Frühstücks-Hörnchen beim Zeitungsladen und das Baguette-Brot nur noch in der Poststelle gibt. Und manche Dorfkirchen seien dem Verfall nahe.

Umso intensiver genießen wir den Aufstieg zur 80 Meter hohen Lava-Nadel, deren Spitze eine romanische Kapelle aus dem 11. Jahrhundert krönt. Sie ist dem heiligen Michael geweiht. Ihre Fassade bezaubert im Sonnenlicht mit ihren Arabesken, Mosaiken und zwei Sirenen-Figuren. Von hier oben geht der Blick auf das Städtchen, auf die Kathedrale und den Corneille-Felsen.

Doch vor dessen Besteigung bummeln wir durch die Altstadt und trinken einen Verveine-(Eisenkraut)-Tee auf der Place Plot. Dort plätschert der Bidoire-Brunnen aus dem Jahr 1246. Und der Samstagsmarkt findet hier schon seit 1544 statt. Im Restaurant gibt es ein Gericht mit einer wohlschmeckenden Linsen-Beilage aus Le Puy. Die Gäste am Nachbartisch kommen aus Französisch- Guayana, wo Europa seine Ariane-Raketen ins All schießt. Ihrer Meinung nach ginge es Frankreich wirtschaftlich viel besser, wenn es nicht die Kosten für seine Ex-Kolonien auf allen Kontinenten und seine Atom-U-Boote aufbringen müsste.

___

Voller Kofferraum

___

Dieses Thema haben wir vergessen, als wir auf dem dritten "Höhepunkt" von Le Puy stehen, dem Corneille-Felsen, auf dem die 16 Meter hohe und 110 Tonnen schwere Notre Dame de France in die Höhe ragt. Sie ist 1860 aus 213 Kanonen geschmolzen worden, die die französische Armee bei Sebastopol erbeutet hatte. Hier oben erkennen wir nicht nur die anderen beiden Felsspitzen, sondern auch das rote Dächermeer der Altstadt und das Crozatier-Heimatmuseum im Jardin Vinay mit seinen dunklen Sykomoren- und Platanen-Alleen.

Der Besuch dieses Felsens beschließt traditionell unseren Le Puy- Aufenthalt. Der Kofferraum ist voll gepackt mit grünen Linsen, Eisenkraut-Teebeuteln, mehreren Cantal- Käsesorten und wieder einem Le Puy -Spitzendeckchen. Und der Kopf ist ebenso voll mit vertrauten Anblicken und neuen Begegnungen. Vielleicht kehren wir noch heuer wieder zurück. Denn wir sind mit der Schriftstellerin George Sand (1804-1876) einig: "Die Auvergne ist weniger schrecklich als die Schweiz, Italien ist schöner, aber ich liebe das zentrale Frankreich mit all seinen erloschenen Vesuven."
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)September 2015 (7742)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.