Auserwählte Journalisten

Als David Gilmours Gattin Polly Samson am 5. Juli, angeblich vollkommen beiläufig, in die Welt twitterte, dass im Spätherbst ein neues Pink-Floyd-Werk mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen heraus gebracht werden würde, raschelte es gewaltig in der Öffentlichkeit.

Schließlich geht es bei diesem Album um das erste jener Formation seit 20 Jahren - und bei dieser Formation von David Gilmour handelt es sich um keine geringere als die sagenumwobenen Pink Floyd. Zwei Tage nach Polly Samsons "Versehens-Twitter" gab die Band hoch-offiziell und von der beinharten britischen Boulevard-Presse unter Druck stehend auf ihrer Homepage bekannt: "Wir bestätigen, dass im Herbst ein neues Album von uns namens 'The Endless River' erscheinen wird."

Mehr als 250 Millionen Tonträger hat der Rock-Dinosaurier bis heute verkauft, alleine vom Meilenstein "The Dark Side of the Moon" konnten seit seiner Veröffentlichung 1973 rund 50 Millionen Kopien losgeschlagen werden, die Scheibe tummelte sich geschlagene 860 Wochen in den US-Charts. Dabei ist das Gesamtwerk der britischen Gruppe eher schmal. Und einige Produktionen, vor allem aus der Zeit in den späten 1980-ern und frühen 1990-ern, werden selbst von eingefleischten Fans als blass und durchschnittlich angesehen.

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Trotzdem ist Tohuwabohu pur angesagt, wenn es darum geht, an stichhaltige Informationen über"The Endless River" (Warner Music Group, Veröffentlichung am 7. November) heran zu kommen, denn die fließen nur spärlich. Noch schwieriger ist es, auch und gerade für Journalisten, die Musik der Platte zu Gehör zu bekommen. Um ans ersehnte Ziel zu gelangen, ist der Aufwand alles andere als gering.

So wurden auserwählte Journalisten weltweit zu "Listening Sessions" in exklusive Hotels wie zu einer geheimen Spionage-Mission einberufen. Beim Tatort München etwa wurde jeder einzelne der zehn geladenen Autoren - darunter Vertreter von hochrangigen Publikationen wie "Süddeutsche Zeitung", "Der Spiegel", "Focus" - von einer charmanten Hostess per Lift ins oberste Stockwerk geleitet, dort musste ein im schärfsten "Business-English" formulierter Vertrag rasch gelesen und noch rascher unterzeichnet werden, in dem beispielsweise mit einer saftigen Konventionalstrafe gedroht wurde, wenn man nur irgendeinen Kommentar zu "The Endless River" vor dem 16. Oktober in die Öffentlichkeit posaunen würde.

Danach: Handy-Abgabe, Jacken-Abgabe. Bis man endlich ins Innere der kleinen Suite eindringen durfte, um sich knapp 55 Minuten Pink- Floyd-Sound - bei Knabberzeug und alkoholfreien Getränken - zu Gemüte führen zu können. Selbstredend lediglich ein einziges Mal am Stück. Das musste als Eindruck genügen, um sich ein Urteil über "The Endless River"zu erlauben.

Um es auf den Punkt zu bringen: "The Endless River" ist eine entspannt-lässige Arbeit, die bis auf den gesungenen letzten Titel des Albums sowie zwei kurze Rezitier-Passagen ohne Worte auskommt. Man könnte die Scheibe als eine Art "meditative Suite" bezeichnen, denn die 18 Stücke gehen nahtlos ineinander über. Trotz aller, wie gewohnt auf hohem Niveau stehender, Solo-Einsätze von Ausnahme-Gitarrist David Gilmour steht dieses Mal das Keyboard im Vordergrund des Geschehens.

Dieser Umstand hat seinen Grund: "Als unser Tastenmann Rick Wright im September 2008 überraschend starb", erklärt Gilmour in einer Medien-Erklärung (Interviews zum Album gibt es bislang nur ein einziges, mit dem britischen Radio-Sender BBC), "war der Schmerz überwältigend. Nachdem Schlagzeuger Nick Mason und ich, die beiden letzten Pink-Floyd-Hinterbliebenen, aus unserer Schockstarre erwacht waren, überlegten wir uns, wie wir Rick eine Art Monument erschaffen könnten."

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20 Stunden Material

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Gilmour und Wright vertieften sich ins Archiv, vor allem in das Material, das 1993 bei den Aufnahmen zum letzten Studiowerk "The Division Bell" entstanden war. "The Endless River", lässt Gilmour verlauten, "basiert auf Musik, die wir bei diesen Sessions aufnahmen. Wir hörten uns durch über 20 Stunden Material, auf dem wir drei zusammen spielten, und wählten die Teile aus, an denen wir für das neue Album arbeiten wollten. Während des vergangenen Jahres haben wir ein paar neue Parts hinzugefügt, andere ganz neu eingespielt und uns moderner Studiotechnologie bedient, um ein Pink-Floyd-Album zu erschaffen, das mit beiden Beinen im 21. Jahrhundert steht. Nachdem Rick von uns gegangen ist, hatten wir keine Möglichkeit mehr, dies jemals zu wiederholen. Es fühlt sich gut und richtig an, diese neu aufgegriffenen und umgearbeiteten Tracks als wichtigen Teil unseres Repertoires zu veröffentlichen. Es ist, wenn man so will, ein Schwanengesang für Rick."

Für den Außenstehenden ist "The Endless River" ein unprätentiöses, angenehm klingendes Stück Musik. Dieses Album ist weniger eine Aneinanderreihung von Bruchstücken als befürchtet, stattdessen eine "richtige", in sich schlüssige und geradezu klassische Floyd-Produktion. Gut, der Dreier zitiert sich selbst, bevorzugt aus seiner 1970er Phase von "Atom Heart Mother" bis "Wish You Were Here", doch atmosphärisch und von einer gewissen Größe ist das allemal. Über weite Strecken hat man das Gefühl, in einer Ambient-Produktion gelandet zu sein. In diesem Genre schlagen Pink Floyd sich ausgesprochen gut.

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Jüngere müssen ran

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Fans werden vermutlich darauf bestehen, dass diese Produktion ein Muss ist. Doch selbst bei aller wohltuender Perspektive ist "The Endless River" kein Höhepunkt im Schaffen der Engländer. Aber unaufgeregt und wohlklingend. Ganz im Gegensatz zur Aufregung, die künstlich bei der Veröffentlichung dieser Scheibe veranstaltet wurde.

Was unabhängig davon laut BBC-Radio sicher zu sein scheint, so David Gilmour zu dem staatlichen britischen Sender: "Diese Platte wird unsere letzte unter dem Namen Pink Floyd sein. Nick Mason und ich sind nur noch ein Torso dieser Band von einst. Es ergibt keinerlei Sinn, dieses Projekt in der Zukunft fortzuführen. Jetzt müssen Jüngere ran, um unsere einzigartige kreative Tradition fortzusetzen."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.pinkfloyd.com/theendlessriver
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