Ausstellung in der Staatlichen Bibliothek Regensburg widmet sich Ludwigs Prachtbauten
Traumschlösser nicht nur für den König

"Fangen Sie bitte oben an." Marcus Spangenberg ist dies ein dringendes Anliegen. Er gibt es den Besuchern mit auf den Weg durch die Ausstellung über König Ludwigs Traumschlösser in der Staatlichen Bibliothek in Regensburg.

Kurator Spangenberg hat den Titel der Regensburger Schau mit einem reflektierten Fragezeichen versehen. "Traumschlösser? Die Bauten Ludwigs II. als Tourismus- und Werbeobjekte." Wenn es aber hart auf hart kommt, will Spangenberg den geneigten Betrachter zunächst doch vorbei geleitet wissen an den Artefakten der unteren Ausstellungsebene. Das pinke Plastikschloss, das grelle japanische Heft, der Jägertopf und die eingeschweißte Salami mit Schloss Neuschwanstein auf der Verpackung - für all das ist später noch Zeit.

Begonnen werden soll mit dem Wesentlichen. Mit den Bauten des Märchenkönigs. Und zwar vor deren gnadenloser Vermarktung. Das ist Marcus Spangenberg, Regensburger Experte für Ludwig II., seinem Schützling schuldig.

Oben also. Bei den historischen Objekten. Bei den alten Fotografien, Stichen, Büchern Ansichtskarten und Wandtellern. Bei den Stücken, über die die Jahre einen gnädigen, einen weniger kitschverdächtigen Schleier gelegt haben. Das Dilemma Marcus Spangenbergs lässt sich allerdings auch hier nicht ganz übersehen. Neuschwanstein, Hohenschwangau, Linderhof, Herrenchiemsee: Von Beginn an waren die Bauten ein Traum vom Märchenhaften - den Ludwig II. mit einer Schar Gleichgesinnter zu teilen hatte.

Ziel für Bildungsbürger

"Tourismus und Öffentlichkeit von Anfang an", heißt es denn auch gleich auf der ersten Ausstellungstafel. Schlecht gelaufen für Ludwig II., der eigentlich Natur und Abgeschiedenheit suchte? Der König stellte sich diese Frage vielleicht gar nicht. Seit er denken konnte, war das väterliche Schloss Hohenschwangau ein Reiseziel für Bildungsbürger. Ludwig kannte den Tourismus von Kindheit an. Später gewährte er selbst den - eingeschränkten - öffentlichen Zugang zu seinen Residenzen.

Traumschlösser? Mit der Schau in der Staatlichen Bibliothek versucht Marcus Spangenberg dieser Frage auf den Grund zu gehen. Chronologisch aufgebaut verfolgt die Ausstellung die Geschichte der bayerischen Schlösser - und somit unvermeidbar auch die Geschichte des Tourismus in der Voralpenregion.

Dieser war durch die Passionsspiele in Oberammergau bereits vorhanden und wurde durch die unter Ludwig entstehenden "Traumschlösser" weiter geschürt. Dass Ludwig über die flammenden Lobeshymnen, die manch zeitgenössischer Autor zu den Bauten veröffentlichte, nicht gerade glücklich war, wird in der Ausstellung angedeutet. Für ihn zumindest waren sie trotz allem in erster Linie Privateigentum. Damit ist längst Schluss. Allein Neuschwanstein verzeichnete im vergangenen Jahr 1,6 Millionen Besucher. Und zwar nicht nur Bildungsreisende. Die anfänglichen Kunstführer und Leporellos sind mittlerweile durch ein Sortiment an Gummibärchen, Eispickeln und Cremedosen mit entsprechenden Motiven erweitert - das zeigt ein rascher Blick in den Giftschrank der geheimnisumwobenen unteren Ausstellungsebene.

Das Rennen im Bekanntheitsgrad der Schlösser hat dabei eindeutig Neuschwanstein gemacht. Als wohl populärstes Motiv Deutschlands prangt es bereits auf einer Ausgabe des US-Magazins "Life" von 1954. Dass das Schlossmotiv längst zu einer Art Allgemeingut geworden ist, belegen nicht nur ungezählte an das Vorbild angelehnte Märchenschlösser bei Disney und Co. Eine dänische Ausgabe von Harry Potter verwandelt Neuschwanstein ganz ungeniert in die Zauberschule Hogwarts, die Oper in Singapur empfindet das Motiv als geeignete Illustration für Puccinis Oper Tosca.

Rasche Öffnung

Begonnen hat die Vereinnahmung der Schlösser vonseiten der Öffentlichkeit schon kurz nach dem Tod König Ludwigs im Jahre 1886. Ein Grund für die rasche Öffnung der für regierungstechnische Nutzung viel zu individualistisch angelegten Bauten war das Geld. Mit den Einnahmen durch die Märchenschlösser erhoffte man sich Mittel zum Abbau der Schulden des Märchenkönigs.

Keine zwei Monate nach Ludwigs Ableben erschien daher eine Anzeige in bayerischen Zeitungen: "Vom 1. August 1886 an sind die königlichen Schlösser (...) bis auf Weiteres (...) geöffnet."

Daraus ist ein Dauerzustand geworden, "auf den weder Besucher noch Eigentümer und Tourismusexperten verzichten wollen", heißt es in der Ausstellung. Und: "Jeder Besucher erwartet, Erinnerungen mitnehmen zu können." Deren Ausprägung und Anzahl sind mittlerweile unüberschaubar. Man glaubt das Seufzen Marcus Spangenbergs zu hören angesichts der Beispiele für diese Entwicklung, die er im Erdgeschoss der Ausstellung angehäuft hat. Einen Wunsch erlaubt sich der Kurator dabei noch zu äußern: "Bitte! Fangen Sie oben an."
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