"Auswendiglerner" scheitern

Seit 2012 legen die bayerischen Schüler das Abitur nach acht Jahren Gymnasium ab. Bild: dpa

Sind die jungen Leute schneller gerüstet für den Arbeitsmarkt oder einfach nur überlastet und gestresst? Noch immer wird um die Sinnhaftigkeit des achtstufigen Gymnasiums (G 8) gestritten. Es fällt auf, dass die Zahl der "Einser-Abiturienten" zunimmt. "Das liegt nicht an einfacheren Prüfungsaufgaben", sagt Knut Thielsen, Chef des Eschenbacher Gymnasiums.

In diesem Jahr haben 108 Schüler das Abitur am Gymnasium Eschenbach bestanden - 35 davon mit einem "Einser-Durchschnitt". Im Doppel-Jahrgang 2011, dem Schuljahr, in dem die letzten Schüler des G 9 und die ersten des G 8 gemeinsam Abitur machten, erzielten lediglich 13 von 119 Absolventen und 11 von 74 einen Durchschnitt mit einer Eins davor. "Das Abitur ist seit der Einführung von G 8 definitiv nicht leichter geworden. Die Prüfung ist sogar um einen Pflichtteil angestiegen. Jetzt müssen fünf Prüfungen, zwei mündliche und drei schriftliche, absolviert werden", kontert Knut Thielsen die These, das Abitur sei nicht mehr so schwer wie früher. Die Fächer Mathematik und Deutsch seien zu einem festen Bestandteil der schriftlichen Leistungsabfragen geworden, "da kommt keiner dran vorbei".

Vergleichbar, aber komplexer

Thielsen ist ein nachhaltiger Befürworter eines "optimierten G 8". Vielleicht sei es in bestimmten Fächern leichter geworden, gute Noten zu bekommen, in den mündlichen Prüfungen beispielsweise, aber das Abitur an sich sei es auf jeden Fall nicht. Zwar seien die Prüfungen zum Erwerb der Hochschulreife immer noch vergleichbar mit denen in den Jahren vor 2012, dennoch seien die Aufgaben komplexer geworden.

"Die Schüler müssen im Abitur mehr Bilder interpretieren und Grafiken deuten und lesen können. Dieser Trend wird auch in den kommenden Jahren immer mehr zunehmen", ist sich der Leiter des Gymnasiums sicher. Durch die zunehmende Komplexität der Fragen falle es vor allem "Auswendiglernern" schwer, gute Ergebnisse zu erzielen. "Die Schüler müssen lernen, auch mal um die Ecke zu denken und ihre eigenen Schlüsse und Lösungswege zu finden. Das finde ich gut, denn das müssen sie auch in ihrem weiteren Leben, beispielsweise an der Universität, beherrschen."

Auffallend sei, dass nicht nur die überdurchschnittlich guten, sondern auch die schwachen Abiturleistungen zugenommen hätten. "Es sind Tendenzen erkennbar, dass unsere Schüler gehäuft sehr gut, oder eher mittelmäßig bis schlecht abschneiden. Der 'Bauch in der Mitte' fehlt etwas. Warum das so ist, wissen wir auch nicht." In den kommenden Jahren müsse diese Entwicklung beobachtet werden.

"Entrümpelung" notwendig

Den gleiche Menge Unterrichtsstoff wie zu G 9-Zeiten zu unterrichten, das sei nicht möglich. "Inhalte aus bestimmten Bereichen wurden herausgenommen - die sogenannte 'Entrümpelung der Lehrpläne'." Ganz zufrieden ist Thielsen auch als Befürworter noch nicht mit dem neuen System. "Gewisse Dinge sind in der Abstimmung noch optimierungsfähig." So stünden beispielsweise die binomischen Formeln im Fach Mathematik zu einem ungünstigen Zeitpunkt im Lehrplan. In den kommenden Jahren werde ein neuer Unterrichtsplan, der "Lehrplan Plus", in den bayerischen Schulen eingeführt. Er befinde sich momentan in einer Aufbauphase, erklärt Thielsen. "Der Plan wird stärker kompetenzorientiert sein, er orientiert sich am Erfahrungshorizont der Schüler und ist lebensnäher. Zudem wird er die Fächer verstärkt miteinander vernetzen." Dadurch würden auch Schulübergänge, beispielweise vom Gymnasium an eine Fachoberschule, erleichtert.

Einer Sache ist sich Thielsen sicher: Das achtstufige Gymnasium stelle für die Schüler keinen größeren Stress-Faktor dar als das G 9. "Wichtig ist, dass man immer kontinuierlich lernt, dann ist das kein Problem." Natürlich hätten die Kinder vermehrt Nachmittagsunterricht, dennoch komme der Freizeitfaktor nicht zu kurz.
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