Bahnhof erlebt blutige Wochen

Josef Schuster hat die Gnade der späten Geburt. Als er zur Welt kam, war der große Krieg gerade eben vorbei. Was aber in dessen letzten Tagen rund um sein Elternhaus passiert ist, davon hat er später viel gehört. Es gab damals Tote. Und das hat ihn nicht mehr losgelassen.

"Ich habe das nicht selbst erlebt", sagt Josef Schuster, der heuer im August 70 Jahre alt wird, "aber im Wirtshaus hat man oft darüber geredet". Da Schuster jahrzehntelang Wirt der gleichnamigen Gaststätte neben dem Bahnhof Irrenlohe war, hat er die dramatischen Vorgänge oft zu hören bekommen. 2012 hat Schuster deswegen ein Marterl anfertigen und es in Bahnhofsnähe aufstellen lassen.

Vor 70 Jahren also, im April 1945, erkannten die vorrückenden Amerikaner die kriegs-strategische Bedeutung des kleinen Bahnhofs, der zwar im Ort Irlaching liegt, aber nach dem Nachbardorf Irrenlohe benannt ist. Einige Tieffliegerangriffe und ein verheerender Bombenangriff auf den Bahnhof waren die Folge.

Los ging es am 1. April, dem damaligen Ostersonntag, als gegen 10.30 Uhr ein Güterzug mit englischen Kriegsgefangenen in 40 Waggons angegriffen wurde. Der Zug hielt kurz vor dem Betriebsgebäude des Bahnhofs, als fünf bis acht Jagdbomber zur Attacke ansetzten. Sie nahmen die Lok unter Beschuss, die zum Schluss 40 Einschüsse aufwies.

Heizer aus Altenstadt

Getötet wurde dabei Lokomotivheizer Michael Hauer aus Altenstadt bei Weiden. Er war 37 Jahre alt. Auch eine Frau kam ums Leben, die auf dem Bahnhof auf einen Anschlusszug wartete. Es war die 48-jährige Buchhalterin Charlotte Kraushaar aus Berlin. Sie wurde verletzt in das Schwandorfer Krankenhaus St. Barbara gebracht, wo sie knapp zwei Wochen später verstarb.

Weitere Angriffe aus der Luft folgten: Am 7. April wurde ein Schrankenwärterhaus zerstört, am 10. April ein überfüllter Personenzug, der auf freier Strecke zwischen Schwandorf und Irlaching beschossen wurde - ungefähr auf Höhe des Bahnwärterhäuschens Richt. Es starben dabei sehr viele Menschen; die Leichen wurden später in Schwandorf bestattet. Tags darauf, am 11. April, kam es zum vierten Tieffliegerangriff mit materiellem Schaden auf den Bahnof, desgleichen am 19. April.

Am 20. April, übrigens dem letzten Geburtstag des Führers Adolf Hitler und kurz vor dessen Selbstmord in Berlin, griff gegen Mittag ein starker Bomberverband den Bahnhof Irrenlohe an und zerstörte ihn vollständig. Von den 13 Gleispaaren blieb nur das erste unbeschädigt, von 720 abgestellten Personen- und Güterwagen wurden über 500 kaputt geschossen. Ein weiterer Einsatz des Bahnhofs kam danach nicht mehr in Frage.

Total vernichtet wurde bei dem Angriff auch ein Wohnhaus mit vier Wohnungen südlich vom Bahnhofsgelände. Und es gab wieder zwei Tote zu beklagen: den 25-jährigen Polen Eduard Rothert, der aus Lódz stammte, sowie den 24-jährigen, deutschen Soldaten Albrecht Pawlick aus Oberschlesien.

Übrigens: Weitere Reportagen zu den letzten Kriegstagen in der Region enthält das Buch "Sie kommen! - Die letzten Kriegstage in der Oberpfalz", erschienen im Buch- und Kunstverlag Oberpfalz. Erhältlich ist es für 19,95 Euro im Onlineshop des Verlags (www.buch-und-kunstverlag.de) sowie in jeder Buchhandlung. (Hintergrund)
Weitere Beiträge zu den Themen: Irlaching (1)Irrenlohe (3)April 2015 (8563)
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