Banges Warten im Schulkeller

Die historische Aufnahme zeigt die Holnsteiner Straße. Über diesen mit Kopfsteinpflaster befestigten Straßenzug kamen die Truppen der 3. US-Armee am 21. April 1945 nach Neukirchen. Eine vom Volkssturm an der Engstelle zwischen der Mauer beim Anwesen Aures-Speigl und dem Gasthaus Engelhard errichtete Panzersperre aus Baumstämmen und Balken wurde, zum Glück für den Ort, nicht geschlossen. Bild: Sammlung wsl

Im April vor 70 Jahren macht sich Endzeitstimmung breit. Das sogenannte Dritte Reich steht vor seinem Untergang. Tobte der Krieg in den Jahren zuvor noch in weiter Ferne, kommt er in diesen Tagen in der Oberpfalz an.

Während im westlichen Landkreis die Orte Achtel (dazu eigener Bericht) und Holnstein unter schweren Beschuss gerieten, verlief der letzte Kriegstag in Neukirchen eher glimpflich, sieht man von den Ängsten in der Bevölkerung vor den heranrückenden US-Truppen ab. Unter dem Titel "Die Amerikaner kommen" beschreibt Hedwig Schuhmann, spätere Frau des Rektors Leonhard Dannhauser und selbst ehemalige Lehrerin an der Volksschule nach Aufzeichnungen von Hauptlehrer Hans Gleixner die Stunden der Einnahme Neukirchens durch die amerikanische Streitmacht.

Kanonendonner schwillt an

"Wir schreiben den 21. April 1945. Es ist Samstag, ein sonniger Vorfrühlingstag. Das ganze Dorf ist schon seit Tagen in Aufregung. Die Amerikaner sind nur noch wenige Kilometer von unserem Heimatdorf entfernt. Aber heute ist alles besonders erregt (...). Der schon seit einigen Tagen vernehmbare Kanonendonner wird stündlich lauter. Aus Richtung Holnstein/Königstein ist es besonders schlimm. Danach ist auch anzunehmen, dass wir aus dieser Richtung die Amerikaner erwarten können. Deutsche Soldaten waren seit Tagen weit und breit nicht mehr zu sehen, für die Leute eine kleine Beruhigung, könnte doch der Ort einer Beschießung entgehen."

Die Zeitzeugin täuschte sich nicht, was Holnstein angeht. Durch Kämpfe rund um den Ort starben an diesem Tag mehrere Menschen, und es kam zu massiven Schäden an Gebäuden. Hedwig Schuhmann suchte mit mehreren Nachbarn bereits gegen Mittag Zuflucht im Keller des alten katholischen Schulhauses. Zuvor hatten sie dort die notwendigsten Habseligkeiten, Wertsachen in Koffern und Proviant in Form von Kuchen und geröstetem Brot deponiert.

Heftiges Klirren der Fenster, verursacht durch dröhnende Panzerketten, kündigte nach der Schilderung der Augenzeugin gegen 14.30 Uhr an diesem warmen Frühlingstag die Ankunft der Amerikaner von Norden her über die Holnsteiner Straße an. Die Lage im Schulhauskeller spitzte sich dramatisch zu, als die auf Holzbänken und Koffern Kauernden kurzzeitig Schüsse aus Panzerkanonen vernahmen. Später stellte sich heraus, dass sie in Richtung Zoellner-Werke abgefeuert worden waren, ohne nennenswerten Schaden anzurichten oder gar Menschenopfer zu fordern. Eine Ursachenforschung ergab bis dato kein eindeutiges Motiv für diese Schüsse.

Nachdem sich die Situation beruhigt hatte, wagten sich die Kellerinsassen - noch unter dem Eindruck dieser dramatischen Minuten - aus ihrem Versteck. Sie sahen eine lange Kolonne von Panzern und Militärfahrzeugen, die durch die Hauptstraße in Richtung Bahnhof rollte.

Fahrt auf dem Panzer

Die noch lebende Augenzeugin Margarete Speigl (geborene Aures) erinnert sich gut an den denkwürdigen Augenblick als der erste Panzer vor ihrem Anwesen in der Holnsteiner Straße 1 anhielt. Die Amerikaner fragten nach dem Weg zum damals amtierenden Bürgermeister Lehnerer, der in Bahnhofsnähe wohnte. Der in der Metzgerei Meyer beschäftigte Willi Träger musste auf Geheiß des Kommandanten auf dem Panzer mit zum Bahnhof fahren.

Infos mit der Handglocke

Zu den ersten Amtshandlungen der Besatzungsmacht gehörte die strikte Aufforderung, sämtliche Waffen beim Bürgermeister abzuliefern. Zuwiderhandlungen drohten das Leben zu kosten. Ihre Wohnungen durften die Neukirchener zwischen 19 Uhr abends und 7 Uhr morgens nicht verlassen. Die Anweisungen der Besatzungsmacht verbreitete die bei älteren Bürgern unvergessene Gemeindedienerin Wally Lax per Handglocke in allen Ortsteilen - eine bewährte Methode, die es noch bis in die 1960er-Jahre gab.
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